Cavaletti im Vordergrund, im Hintergrund Pferd und Reiterin

Blöde Zicke, fauler Bock

Blöde Zicke, fauler Bock

Diesen Text habe ich vor einem Jahr schon angefangen zu schreiben, als ich gerade ganz frisch eingetaucht war in die Welt der Pferde. Obwohl ich damals und auch heute noch keine Massen von Menschen mit ihren Pferden erlebt habe, ist mir ziemlich schnell etwas aufgefallen. Etwas, das mich immer noch ein wenig ratlos zurücklässt.

Kampf statt Partnerschaft

So eine Kälte in der Luft, zwischen Mensch und Pferd. Als wäre das Reiten keine gemeinsame Aufgabe, sondern ein Kampf, den der Mensch um jeden Preis gewinnen muss – egal wie. Das beschränkt sich nicht aufs Reiten, ist mir aber dabei immer besonders deutlich geworden. Will das Pferd etwas nicht oder führt es Kommandos nicht schnell oder gut genug aus, bekommt es viel zu oft ziemlich unsanft Sporen, Gerte oder Gebiss zu spüren. Oder einen kräftigen Ruck am Führseil. Flüche und Verwünschungen inklusive. Das Pferd erfüllt die Erwartungen des Reiters nicht? Klar, es ist eben eine blöde Zicke oder ein fauler Bock. Oder ein dummes Vieh. Verarscht einen nur. Die Liste ist lang.

Es macht mich traurig, sowas zu sehen. Wegen der Pferde, die derart ignorant behandelt werden. Als wären sie nur ein Mittel zum Zweck; ein Sportgerät, das zu funktionieren hat. Und zwar bitteschön genau so, wie der Reiter es will und kein bisschen anders. Das ist traurig, weil Pferde so viel mehr von uns verdient haben als eine ruppige Hand und einen Sporentritt. Wie Mark Rashid sagt:

„Pferde sind gute Tiere. Sie haben etwas Besseres verdient.“

– Mark Rashid, „Ein gutes Pferd hat niemals die falsche Farbe“ (hier geht’s zu meiner Buchrezension)

Pferde haben immer einen Grund

Man liest es glücklicherweise überall und auch ich wiederhole mich schon damit. Aber das macht so lange nichts, bis es in allen Pferdemenschenherzen angekommen ist: Pferde sind nicht faul, zickig, hinterlistig oder bösartig. Sie wollen uns nicht ärgern oder uns absichtlich schaden. Und dumm sind sie schonmal überhaupt gar nicht, im Gegenteil. Pferde sind uns Menschen emotional und sozial sogar teilweise haushoch überlegen. Und auch was ihre Sinneswahrnehmungen betrifft, wissen sie oft viel mehr als wir. Ein Pferd weigert sich niemals ohne Grund, etwas zu tun. Vielleicht hat es Schmerzen, weil der Sattel zwickt. Vielleicht hat es Angst, weil es schlechte Erfahrungen gemacht hat. Vielleicht ist es überfordert, weil es einfach noch nicht soweit ist. Vielleicht versteht es auch nicht, was der Reiter von ihm möchte, weil die Hilfen nicht klar genug gegeben werden. Oder es ist einfach gerade der falsche Zeitpunkt für unsere Frage an das Pferd. Es gibt so viele mögliche Ursachen für Probleme, und die meisten haben wir Menschen selbst geschaffen. Eine Ursache aber gibt es ganz sicher nicht, nämlich dass das Pferd uns verarschen möchte, weil es so ein hinterlistiges Biest ist.

Verpasste Magie

Und doch ist es immer wieder das Pferd, bei dem die Schuld gesucht wird. Es wird so oft gar nicht in Erwägung gezogen, den wahren Ursachen auf den Grund zu gehen. Das ist wirklich sehr schade. Das ist es aber auch noch aus einem ganz anderen Grund. Wer sein Pferd nur als Mittel zum Zweck sieht und nicht weiter über sein Wesen nachdenkt, dem entgeht die ganze Magie, die die Pferde uns zu bieten haben. Wer die Scheuklappen ablegt und sich dem Wesen der Pferde öffnet, wird so reich belohnt, dass ich es kaum glauben kann, wie man sich vor dieser riesigen Quelle von Weisheit, Freundschaft und Inspiration verschließen kann.

Wer sein Pferd immer nur als „den faulen Bock“ sieht, der sich nicht bewegen will oder als die „blöde Zicke“,  die sich aus reiner Bosheit widersetzt, der wird leider nie erkennen, was er da eigentlich verpasst. Wie reich beschenkt er eigentlich sein könnte. Ich habe in diesem einen Pferdejahr mehr über mich und meine Probleme, meine Ziele und meine Visionen gelernt als in vielen Jahren vorher zusammen. Ich möchte es nicht missen und bin so froh, dass diese Welt sich mir so spät noch geöffnet hat. Ich merke zwar auch, dass ich zwischendurch immer wieder dazu neige, Dinge als selbstverständlich zu nehmen, die es nicht sind. Ich habe allerdings eine strenge Lehrerin mit vier Hufen und einem Schweif, die mir ziemlich schnell Bescheid gibt, wenn ich wieder zu gedankenlos werde.

Ich kann mir ein Leben ohne Pferde und ohne ihre reichhaltigen Geschenke an uns und unsere Persönlichkeitsentwicklung absolut nicht mehr vorstellen. Auch wenn ich mich immer wieder daran erinnern muss, bin ich mit einer tiefen Dankbarkeit darüber erfüllt, dass ich Pferde in meinem Leben haben darf. Und zwar nicht nur wegen meiner Allergie-Vorgeschichte, derzufolge es eigentlich unmöglich ist, was ich gerade tue. Auch weil ich mir nie erträumt hätte, was für eine Bereicherung ein Pferd in meinem Leben sein würde.

Warum ist eigentlich ein Pferd in unserem Leben?

Vielleicht wäre es ein Anfang, sich immer wieder daran zu erinnern, warum wir eigentlich ein Pferd in unserem Leben haben. Warum kriechen wir im Schlamm rum, fahren bei Wind und Wetter zum Stall und frieren uns den Arsch ab? Ist es nicht, weil wir unsere Pferde lieben? Steht nicht am Anfang jeder Pferdemenschengeschichte die Liebe zum Pferd? Ich wünsche mir, dass diese Liebe immer im Vordergrund bleibt und nicht irgendwann von Turnierschleifen, Egoismus oder Gleichgültigkeit überlagert wird. Pferde sind harmonieliebende, einfühlsame Wesen, die uns so viel zu geben haben, wenn ihr ihnen nur zuhören und in Verbindung mit ihnen bleiben. Es liegt in unserer Hand. In unserer Verantwortung.

Ich wünsche mir auch mehr Respekt vor dem Pferd und seinen Bedürfnissen. Respekt wird ja immer gern vom Pferd verlangt, aber über den Respekt dem Pferd gegenüber wird nicht ganz so oft gesprochen.

Ich wünsche mir, dass die Leute sich klarmachen, welch großes Wunder sie da eigentlich gerade erleben, wenn sie Zeit mit ihrem Pferd verbringen. Dass sie bei Problemen nicht einfach blind alles aufs Pferd schieben, sondern der wahren Ursache auf den Grund gehen.

Es ist nicht selbstverständlich. Es ist ein Geschenk.

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2 Kommentare

  1. Liebe Tina, vielen Dank für deine schönen Zeilen. Es ist sooooo wahr was du sagst und es macht mich furchtbar traurig das Elend im Pferdesport zu sehen.
    Ich bin seit 34 Jahren Reiterin, habe lange Zeit im Turniersport geritten – bis zu dem Zeitpunkt als ich vom Trainer aufgefordert wurde übers Pferdewohl zu reiten – das war der Zeitpunkt für mich dem turniersport Lebewohl zu sagen. Nun nach vielen Jahren eigener Pferde, reitvereinspferde und Pferde von Freunden habe ich zwei Pferde hier, die beide Vorgeschichten haben. Einer ist ein bellisimo Sohn – nach Unfall im Fohlenalter aber Ataktiker (was keiner vorher gemerkt hat und er als völlig unkooperativ bei mir landete) . Er sollte als unreitbar eingeschläfert werden. Warum? Das Pferd war 6 Jahre jung und hatte keine Schmerzen. … nach eineinhalb Jahren Arbeit kann ich ihn gut reiten, er ist ein Verlasspferd, Kinder lieben ihn, er kann nicht viel- aufgrund der Einschränkungen seiner Krankheit aber er ist glücklich und topfit.
    Der zweite ist ein ex Grand Prix Pferd: 14 Jahre Hölle im Dressursport, jahrelang Boxenläufer, psychisch und körperlich am Ende. Er hatte Panik vorm Menschen, der Unterkiefer hat 7 cm spiel, die Ohrspeicheldrüsen sind entzündet und er hatte so massive Rückenschmerzen das er ständig stieg. Ich habe noch nie ein vor allem psychisch so kaputtes Pferd gesehen. Es treibt einem die Tränen in die Augen. Aber; er ist fünf Monate hier und hat das Boxenlaufen aufgehört, er hat vertrauen gewonnen und wird mutiger, die Rückenschmerzen sind fast Geschichte durch intensives rückentraining und seit einer Woche ist er entspannt unterm sattel. Entspannt kannte er nicht und ich habe diese Panik in seinen Augen noch gut im Kopf aber sie ist weg und das macht mich unendlich glücklich.

    Das alles ist mehr wert als eine Schleife oder eine perfekte piaffe. Darauf kann ich verzichten ist nur das Pferd unter mir glücklich mit mir arbeiten zu dürfen und ich spüre seine Freude.

    Liebe Grüße Peggy

    • Liebe Peggy, vielen lieben Dank für deinen tollen Kommentar! Was für schreckliche Vorgeschichten von deinen beiden Pferden… aber es ist immer sooo schön zu hören, wenn solche Pferde die Chance auf ein zweites Leben bekommen! <3 Und wenn dein Ex-Grand-Prixler schon nach fünf Monaten solche Fortschritte gemacht hat, ist es ja schon echt toll gelaufen bisher. Wirklich toll! <3

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