Pferdebeine und Menschenbeine

Kursbericht: Grundlagen der Pferdemassage bei Lukas Umbach

Lukas Umbach ist ein Pferdetrainer und Coach, den ich sehr schätze. Er ist 100 % pro Pferd und seine Art, Pferde zu sehen, ist super einfühlsam und inspirierend. Ich verfolge ihn und seine Arbeit seit einer Weile auf Facebook, und als er sein erstes Seminar dort ankündigte, hat mein Bauchgefühl gleich ganz laut gerufen: Geh da hin! Also ging ich hin. Und nahm auch gleich noch meinen Freund Klaus mit. Der krault sowieso gerne Pferde, wenn er mit am Stall ist und versprach sich von diesem Kurs zu den Grundlagen der Pferdemassage eine noch höhere Anziehungsrate bei den Ponys als sowieso schon. 😉

Ohne Erwartungen und ohne große Bäume ins Kiesbett

Also sitzen wir eines schönen Samstagmorgens im Oktober im Auto und fahren nach Leichlingen zum Ponygnadenhof, wo der Kurs stattfindet. Ich habe gar keine spezifischen Erwartungen und freue mich einfach auf den Input, der da kommen mag und darüber, Lukas mal persönlich kennenzulernen. Das ist ja dann doch nochmal was anderes, als jemanden nur über seine Facebookseite zu „kennen“. 🙂

Bei der Anfahrt zu Pferdeseminaren gibt es bei mir eigentlich immer mindestens einen Verkehrsklops. Beim Horsebond-Seminar war es eine Straßensperrung in Schwelm, die einen auf einen gefühlten 20-km-Umweg schickte und dafür sorgte, dass wir fast 2 Stunden brauchten. Für 40 km. Heute verläuft die Anfahrt unproblematisch, allerdings nur, bis wir am Hof ankommen… Wir fragen jemanden, wie wir denn hier zum Ponygnadenhof kommen und der sagt (denken wir): „Hier weiterfahren bis zu den großen Bäumen!“ Allerdings stehen wir dann nach wenigen Metern ohne jegliche große Bäume in Sicht am Ende der Straße und vor einem Wald- und Wiesenfeldweg, der nicht aussieht, als könnte man ihn mit einem Polo ohne Allradantrieb gefahrlos befahren. Hm. Bevor was Unüberlegtes passiert, rufe ich lieber Lukas an und frage ihn, wo wir hinmüssen. Er sagt was von einer großen Scheune, und ja, da steht in der Tat eine. Es rattert etwas in unseren Köpfen, bis uns klar wird, dass wir den guten Herrn am Anfang wohl komplett missverstanden haben und der auch „Bei der großen Scheune“ gesagt haben muss und nicht „Bei den großen Bäumen“. Nun ja 😀

Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen fahre ich dann auf den Parkplatz vor besagter Scheune… und versinke mit dem Auto im Kies. Nix geht mehr – nicht vor und nicht zurück. Nur nach unten geht es noch weiter.^^ Neben mir stehen die anderen Autos, als wäre nix gewesen und ich bin wohl in die einzige tiefe Stelle weit und breit gefahren. Wir beschließen, das Auto erstmal so stehenzulassen und es am Nachmittag irgendwie wieder da rauszuholen. Ich mache gleich zwei Haken an die Verkehrsklops-Liste und bin sehr zuversichtlich, dass uns später notfalls irgendwer mit dem Auto oder Trecker da rausholen wird. Allerdings kann ich einen schmachtenden Gedanken an einen pferdeanhängerzugmaschinentauglichen SUV mit Allradantrieb nicht unterdrücken. 😉

Etwas Theorie und Blickschulung

Wir sind nur neun Teilnehmer, was ich sehr angenehm finde. So ein kleiner Rahmen ist gleich viel persönlicher und auch vertrauensvoller als bei größeren Gruppen. Wir starten mit einer kleinen Vorstellungsrunde, die ich, wie eigentlich immer bei solchen Seminaren, total spannend finde. Außer uns haben alle ein eigenes Pferd. Die Beweggründe für den Seminarbesuch gehen alle in die gleiche Richtung: Dem Pferd etwas Gutes tun, es bei der Heilung unterstützen, Problemen vorbeugen und das Wohlbefinden steigern.

Bei mir kommt noch hinzu, dass meine Pflegestute Jacky ja eine kleine Fass-mich-nicht-an ist und ich nach Wegen suche, ihr Berührungen schmackhafter zu machen. Da ich schonmal gesehen habe, wie ihre Besitzerin verschiedene Massagetechniken an ihr angewendet hat und wie Jacky nach anfänglichem Widerwillen doch Gefallen daran fand, lag es für mich nahe, mich auch mal mit dem Thema zu befassen.

Das Seminarskript zum Kurs "Pferdemassage"

Nach der Vorstellungsrunde versorgt Lukas uns im ersten Theorieblock mit ganz grundlegenden Infos über die Wirkungen und Kontraindikatoren von Massagen beim Pferd und spricht Grundlegendes zum Thema Muskulatur und Muskelgruppen an. Er hat das meiner Meinung nach perfekt auf uns als Zielgruppe zugeschnitten: Er hat die absoluten Grundlagen herausgegriffen und erklärt alles verständlich. Dabei trifft er genau die Mitte zwischen Oberflächlichkeit und tiefem Detailwissen. Einfach genau richtig für diesen Tageskurs. Hut ab für dieses didaktische Gespür (ernsthaft)! 🙂

Die nächste Station ist dann die Blickschulung an drei Pferden, die auf dem Ponygnadenhof wohnen. Lukas zeigt uns an den Pferden die Muskelgruppen, die wir heute näher betrachten wollen und wir besprechen Besonderheiten und Probleme, die unsere Anschauungspferde so haben.

Lukas zeigt eine Massagetechnik an einer Fuchsstute

Blickschulung ist für mich ein großes Thema, weil ich einfach noch nicht so viel Pferdeerfahrung habe und mein Blick in vielerlei Hinsicht doch noch sehr ungeschult ist. Deswegen finde ich diesen Seminarteil sehr hilfreich, weil Lukas geduldig und kompetent alle möglichen Fragen von uns beantwortet. So fällt das Lernen und das Sehen deutlich leichter.

Der Ponygnadenhof – ein Ponyparadies

Ponys stehen auf der Weide

An dieser Stelle möchte ich einen kleinen Einschub zum Seminarort einlegen, denn der Ponygnadenhof in Leichlingen ist ein ganz besonderer Ort. Er beherbergt einen ganzen Batzen an Tierschutzpferden, alten und kranken Pferden. Alles Pferde, die vorher keine guten Erfahrungen gemacht haben. Der Clou an der Sache ist, dass diese Pferde hier endlich ein schönes und artnahes Pferdeleben führen dürfen: Im Offenstall, mit acht Hektar Weideland, in der Herde und unter der Fürsorge von vielen ehrenamtlichen Helfern. Das Ganze ist eine private Initiative, die mit super viel Herzblut geführt wird. Die Leute vom Pondygnadenhof haben uns Seminarteilnehmer total herzlich empfangen und man hat sich gleich wohlgefühlt. Außerdem haben sie uns ein extrem leckeres veganes Mittagessen mit Nachtisch serviert! (Lukas hatte auch noch einen veganen Schokokuchen dabei – ein Gedicht!)

Ponys stehen auf der Weide

An diesem Tag sind auch einige Kinder und Jugendliche vor Ort, die sich mit um die Ponys kümmern. Das finde ich richtig toll! Das ist 1000-mal besser, als in einem der vielen Boxenknäste den Umgang mit Pferden zu lernen. Hier haben die Ponys und die Kinder gleich viel von ihrem Zusammensein. <3

Begeistert bin ich auch von der Ordnung bei der Halfteraufbewahrung:

Viele Halfter ordentlich an der Wand aufgereiht

Alles ordentlich weggehängt, schön mit dem Pferdenamen über dem Haken. Das kenne ich bisher nur in chaotisch und alles durcheinandergeworfen. 😉

Exemplarisch will ich euch das Schicksal dieser hübschen Araberschimmelstute herausgreifen. Shamira ist eine ehemalige Zuchtstute und hatte im Alter von 14 Jahren schon zehn Fohlen. Eine richtige Gebärmaschine also. 🙁 Heute ist sie 21 und lebt seit ein paar Jahren glücklich auf dem Ponygnadenhof.

Araberschimmelstute auf der Weide, mit viel Schlamm im Fell

Besonders schön finde ich, dass sie zusammen mit ihrem letzten Fohlen dort leben darf. <3 Bei den ganzen Fohlen, die ihr vermutlich viel zu früh wieder weggenommen wurden, hat sie das wirklich verdient. Und die beiden lieben sich auch total, das hat man sofort gesehen.

Araberstute schaut interessiert

Besagtes „Fohlen“, das heute schon drei Jahre alt ist. 🙂

Wenn ihr den Ponygnadenhof übrigens unterstützen möchtet: Ich habe euch am Ende dieses Beitrags die Links zur Homepage und zum Amazon-Wunschzettel des Ponygnadenhofs zusammengestellt. Dort sind Futtermittel und andere Sachen aufgelistet, die immer gebraucht werden für die teilweise zahnlose Rentnergang. 🙂 Ich habe gleich ein paar Futtersäcke für die Opis auf den Weg geschickt, weil es mir dort so gut gefallen hat und ich diese Initiative absolut unterstützenswert finde. Die Ponys freuen sich! 🙂

Pferd schnuppert neugierig an der Hand

Noch etwas Theorie und dann ran an den Speck

Zurück zum Seminar: Als nächstes steht noch etwas vertiefende Theorie auf dem Plan und dann gibt es auch schon besagtes leckeres Mittagessen. Nach der kleinen Essenspause geht es dann gestärkt an die Praxis. Wir holen wieder ein paar Pferde von der Weide, die jetzt in den Genuss unserer ersten Massagegriffe kommen sollen.

Pferde werden von der Weide geholt

Lukas zeigt uns als erste Aktion erstmal die verschiedenen Techniken, die er uns heute beibringen will. Dabei handelt es sich um ganz einfache Massagetechniken (mit einer Hand) und Massagegriffe (mit beiden Händen), die die Muskulator lockern und die Durchblutung anregen. Eine Behandlung in die Tiefe der Muskulatur erreicht man so natürlich nicht, aber das sollte ohnehin den Profis vorbehalten sein. Das Risiko, dabei mehr Schaden als Nutzen anzurichten ist da einfach zu hoch.

Ja, und nach dieser Demonstration heißt es dann wirklich „Ran an den Speck!“ für uns, und wir probieren das Gelernte in Zweiergruppen an den Pferden aus. Aufregend!

Achtung: Die folgenden Bilder dienen nur zur Veranschaulichung und sollen keine Aufforderung zum Nachmachen sein. Bitte besucht selbst ein Seminar oder lasst euch die Übungen von einem erfahrenen Therapeuten zeigen, bevor ihr sie an euren Pferden ausprobiert. Schließt außerdem unbedingt alle Kontraindikatoren gegen eine Massage aus (z. B. Fieber, Muskelfaserrisse und offene Wunden, um nur ein paar zu nennen). Der richtige Ansprechpartner, um das abzuklären wäre auch euer Tierarzt oder der Pferdephysiotherapeut eures Vertrauens.

Pferd wird massiert

Hier seht ihr mich beim „Klopfen“: Mit der flachen Hand wird sanft auf den Pferdekörper geklopft. Das regt die Durchblutung an und erwärmt die Muskulatur.

Und ja, es war ganz schön frisch und drei Kapuzen absolut gerechtfertigt. 😉

Pferd wird vorsichtig mit einem Igelball massiert

Es gibt auch diverse Hilfsmittel, die man unterstützend zur Massage mit den Händen nutzen kann, z. B. einen (nicht zu harten) Igelball. Wichtig ist hierbei immer, nicht zu viel Druck auf den Pferdekörper auszuüben und knochige Bereiche wie die Wirbelsäule auszusparen. Fuchsstute Manaja fand den Igelball ziemlich cool, obwohl sie anfangs dem ganzen Massagevorhaben etwas skeptisch gegenüberstand.

Mein persönlicher Joker: Das Fass-mich-nicht-an-Pferd

Was mich direkt zu meinem Dauerbrennerthema führt: Pferde, die lieber wegrennen möchten, als sich anfassen zu lassen. Vor Manaja war nämlich ein anderes Pferd unser Massageproband: DeBoxter, ein 17-jähriger englischer Vollblutwallach. Ein ehemaliges Rennpferd.

DeBoxter ist anfangs mehr als skeptisch. Als wir ihn an den Flanken anfassen, springt er fast in die Luft und ist kurz davor, einfach wegzulaufen. Seine Reaktion ist so heftig, dass ich überzeugt bin, dass er dort eine Verletzung oder zumindest starke Schmerzen haben muss. Dass er uns nicht beißt oder tritt, ist wohl allein seiner pferdischen Beherrschung zu verdanken. Vorne lässt er sich zwar anfassen, findet es aber auch erstmal ziemlich blöd. Von Entspannung ist da leider nichts zu spüren.

Ich seufze innerlich und äußerlich, weil ich es schon wieder zielgerichtet geschafft habe, das abweisendste Pferd von allen zu erwischen. Ich fühle mich von dieser Herausforderung ein bisschen verfolgt, beginne aber einzusehen, dass das wohl gerade die Lektion ist, die ich im Leben lernen soll. Seufz. Lukas kann der ganzen Sache aber noch was Positives abgewinnen, schließlich stehen die Chancen nicht schlecht, dass Jacky ähnlich abweisend auf meine ersten Massageversuche reagieren wird. Und so ist DeBoxter doch eigentlich die perfekte Vorbereitung auf diese Situation. Da muss ich ihm Recht geben und ich bin ehrlich gesagt schon sehr gespannt auf meine ersten Schritte zusammen mit Jacky…

Das Schöne an der Begegnung mit DeBoxter ist, dass wir ihn doch noch ein bisschen davon überzeugen können, dass Massieren eine angenehme Sache ist. Lukas rät uns nämlich, einfach am vorderen Teil des Pferdes vorsichtig weiterzumachen, da er dort nicht so heftig reagiert hat wie hinten. Und siehe da: DeBoxter fängt irgendwann an, sich etwas zu entspannen, schnaubt mal ab und kaut ein wenig. Puh! Am Ende darf ich ihn sogar ganz selbstverständlich an den Flanken anfassen, ohne dass er irgendeine ablehnende Reaktion zeigt. Offenbar sind die Flanken bei ihm ein Bereich, den man nicht sofort anfassen sollte. Aus dieser Erfahrung gehe ich auf jeden Fall positiv gestimmt und gestärkt hervor für meinen weiteren Weg mit Jacky. 🙂

Inspiration und Zusammenhalt

Bei diesem Seminar stelle ich außerdem fest, wie wichtig es ist, von inspirierenden Pferdemenschen zu lernen. Ich bin total angetan von Lukas‘ Art, Pferde zu sehen und mit ihnen umzugehen. Das wusste ich zwar auch vorher schon, aber wie ich schon eingangs schrieb: Wenn man sich dann mal persönlich unterhalten kann, ist es einfach nochmal was anderes. Ich bin so froh, dass ich ihn damals zufällig auf Facebook entdeckt habe! Bei all dem Negativen und Pferdefeindlichen, das wir in den sozialen Medien und leider auch „da draußen“ in der Realität immer wieder zu sehen bekommen, ist es mir sehr wichtig geworden, den Fokus auf dem Positiven zu halten und mich an Menschen zu orientieren, denen das Wohl des Pferdes wichtig ist und die einen anderen Weg gehen als die große Masse (auch wenn es mir wirklich lieber wäre, die Pferdefreunde wären die große Masse. Aber jeder Einzelne, der es anders macht, verlagert den Schwerpunkt in die richtige Richtung).

Was auch absolut für den Besuch von guten Seminaren spricht, sind die Teilnehmer, die man dabei kennenlernt. Es gibt genug Leute, die es anders wollen und wir sind ganz sicher nicht allein – auch wenn das „Von anderen belächelt werden, weil man z. B. nicht x oder y macht, um sein Pferd gefügig zu machen“ eigentlich fast immer thematisiert wird. Und doch hilft es mir jedes Mal wieder, zu hören, dass es anderen auch so geht. Ich meine, hey, bei Pfernetzt sind 200 (!) pferdeverrückte Teilnehmer zusammengekommen, die einen pferdefreundlichen Umgang wollen und dazu zahlreiche pferdefreundliche Trainer! Wir sind viele, wir müssen uns nur trauen und uns finden. Insofern war das sicher nicht das letzte Seminar, auf dem ich war! 🙂

Fazit

Lukas‘ Pferdemassage-Seminar war noch dazu eines der besten, die ich je besucht habe. Er hat die perfekte Mischung aus Theorie und Praxis geschaffen, und ich habe mich tatsächlich den ganzen Tag über keine einzige Minute gelangweilt. Was schon eine Leistung ist, weil mir vor allem bei schwerem theoretischem Stoff doch schnell mal die Puste ausgeht und ich Gefahr laufe, zeitweise auszusteigen. Das war hier absolut nicht der Fall! Er hat die Theorie super aufbereitet und Stoffmenge und -anspruch super an die Zielgruppe angepasst.

Noch dazu gab es ein richtig gutes und qualitativ hochwertiges Skript für uns, in dem die wichtigsten Punkte nochmal drinstehen. Vor allem die Abbildungen und Erklärungen zu den einzelnen Massagetechniken und Massagegriffen finde ich toll, weil ich damit am Stall perfekt üben kann.

Lukas hat außerdem geduldig und kompetent all unsere Fragen beantwortet. Und weil das Seminar in so kleinem Rahmen stattfand, kam auch keiner mit seinen Fragen zu kurz. Ich hatte auch gar keine Hemmungen, zu fragen, was ich sonst bei (vor allem größeren) Seminaren doch öfter mal habe. Aber der Rahmen war so geschützt, da war das kein Problem. 🙂

Aus dem Kiesbett bin ich übrigens am Ende doch noch aus eigener Kraft rausgekommen. Mit seeeeeeeeehr viel Gas. Nächstes Mal park ich woanders. 😉

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