Zwei Pferde beim Grasen, der Himmel zeigt dunkle Regenwolken in der Ferne

Vom Herzzerbrechen und Mitentscheiden: Freiraum fürs Pferd

Vom Herzzerbrechen und Mitentscheiden

Seit einiger Zeit lässt mein Pflegepferd Jacky sich von den Pferdepflegerinnen nicht gern von der Weide holen. Die fünf Stunden auf der Weide sind ihre einzige Herdenzeit am Tag. Fünf Stunden Pferd sein, Lauftier sein. Licht, Luft, Weite. Wind um die Nase.

Sie ist ein schlaues Tier. Sie weiß genau, wie der Rest des Tages aussehen wird: Die restlichen 19 Stunden bis zur nächsten Weidezeit verbringt sie in ihrer Paddockbox. Abzüglich der Zeit für Putzen und Training, also sagen wir mal so 17, 18 Stunden.

Mit den Aussichten würde ich mich als Pferd auch nicht gerne einfangen lassen. Bei mir ist sie nie ernsthaft weggelaufen, wenn ich sie reinholen musste. Aber sie ist auch nie freudig auf mich zugaloppiert und hat die Nase ins Halfter gesteckt (ich glaube auch, dass das wohl immer ein Wunschtraum meinerseits bleiben wird 😉 ). Sie hat mir deutlich gezeigt, dass sie nicht mitkommen will. Sie hat sich abgewendet und ist einige Meter von mir weggegangen. Ließ sich dort aber immer aufhalftern und kam auch mit mir mit.

Kein Überfallkommando

Ganz ehrlich: Mir bricht es jedes Mal das Herz, wenn ich sie dort wegholen muss. Ich setze damit ihrer einzigen, viel zu kurzen Zeit des echten Pferdseins ein Ende und das ist ein Gedanke, den ich nur schwer ertragen kann.

Ich beschloss, dass ich ihr das Reinholen zumindest etwas angenehmer machen möchte. Denn länger als ein paar Stunden auf der Weide bleiben darf sie aus gesundheitlichen Gründen leider nicht.

Also fing ich an, ihr noch einige Minuten Zeit zum Grasen zu lassen, wenn ich kam. Ich wollte nicht, dass mein Erscheinen für sie bedeutet, dass sie jetzt und sofort alles Angenehme hinter sich lassen muss: das Gras, die anderen Pferde, die artgerechte Bewegung… Ich will kein Zeichen dafür sein, dass jetzt der ätzende Teil des Tages beginnt. Auch wenn es derzeit letzten Endes natürlich so ist für sie. Aber ich wollte ihr zumindest mehr Zeit geben, bis wir die Weide verlassen und nicht als Überfallkommando in ihren Tagesblauf reinplatzen.

Pferd bringt sich selbst rein

Das habe ich jetzt ein paar Mal gemacht und Jacky tut das unheimlich gut, soweit ich das beurteilen kann. Letzten Sonntag habe ich ihr eine halbe Stunde Zeit gelassen, in der ich selbst die Ruhe zwischen den Pferden genossen habe. Und sie ging irgendwann von ganz allein zielstrebig von der Weide, ohne Halfter, ohne meine Führung und brachte sich quasi selbst rein – ich musste ihr nur hinterhergehen und durfte sie auch erst vor dem Tor aufhalftern. Sie wollte selbst entscheiden, wann sie reingeht. Im Rahmen der Möglichkeiten, denn ich war ja schließlich schon da und sie weiß natürlich, dass wir nicht noch drei Stunden zusammen auf der Weide abhängen können (wobei ich das im neuen Stall durchaus vorhabe, aber das weiß sie ja noch nicht 😉 ). Aber sie wollte wenigstens innerhalb dieses Freiraums, den ich ihr verschafft habe, selbst entscheiden. Diese Erfahrung war mehr als zauberhaft für mich. Ich habe ihr Freiraum gegeben und sie kam mir am Ende derart entgegen. Das war wirklich schön.

Gehen wir?

Heute habe ich es ähnlich gemacht. Nach etwa 20 Minuten ging ich auf sie zu und fragte sie, ob sie bereit wäre. Sie schaute auf, machte sogar Anstalten, loszugehen, entscheid sich dann aber doch anders. Sie musste noch eine Pferdefreundin verjagen – sie drehte sich um, legte die Ohren an, sprang im Galopp an und verscheuchte die Arme, die eigentlich nur friedlich graste. Öhm, okay. Möglicherweise war das ein Abladen von Frust darüber, dass sie von der Weide muss. Nachdem Jacky noch einmal von mir wegging, konnte ich ihr das Halfter anlegen. Um ihr noch ein wenig entgegenzukommen, lasse ich sie dann (wenn sie nicht schon von selbst zum Ausgang geht wie letzte Woche^^) immer noch einige Minuten weitergrasen.

Heute hätte ich sie noch länger weitergrasen lassen, aber Jacky hatte wieder ihren eigenen Zeitplan im Kopf und beschloss irgendwann selbst, dass es Zeit ist zu gehen. Sie hörte dann einfach auf zu grasen und ging los! Genau wie letzte Woche, nur diesmal mit Halfter und Strick mit mir dran. Normalerweise vermeide ich es, dass das Pferd mich hinter sich herzieht, aber heute fühlte es sich sehr richtig an, ihr die Führung zu überlassen. Immerhin hatte sie die Entscheidung selbst über sich gebracht, die Weide mit mir zu verlassen. Also ließ ich das Pferd vorgehen und das Tempo bestimmen. Als wir durch eine breite Matschspur gehen mussten, durfte ich kurz übernehmen und uns ein wenig drumherum manövrieren. Danach war sie wieder dran. Die Leichtigkeit dieses Führungswechsels hat mich total erstaunt. So kann es also sein, wenn Mensch und Pferd sich als ebenbürtig verstehen und behandeln? Wow! Ich will mehr davon!

Leider kamen wir dann an einem Papierzettel vorbei, den mein Ordnungswahn da nicht liegenlassen konnte. Ich hielt sie an, um den aufzuheben, und das fand sie total doof und fing dann wieder an zu grasen. Ich konnte aber höflich nachfragen und wir gingen dann doch weiter. Wir besuchten dann noch die beiden Selbsttränken auf dem Weg zum Tor und standen an der zweiten bestimmt nochmal 5 Minuten. Da geht echt viel Wasser rein in so ein Pferdchen. 😉 Als sie ausgetrunken hatte, ging sie total selbstverständlich vors Tor und ließ mich die Litzen aufmachen.

Welt voller Geheimnisse

Bisher wurde ich jedes Mal belohnt, wenn ich Jacky einen Freiraum gegeben habe und sie zumindest mitentscheiden durfte. Ich glaube, dass wir eine Welt voller Geheimnisse betreten, wenn wir den Pferden Freiraum schenken. <3 Und ich möchte noch so viel mehr davon wissen!

Die Weideproblematik hat sich ja Gott sei Dank bald erledigt, da wir sehr bald den Stall wechseln werden. Im neuen Stall haben wir eine Offenstallhaltung mit Paddocktrail und Jacky wird 24 Stunden am Tag draußen und in Gemeinschaft verbringen (Wiese gibt’s nur stundenweise, also perfekt für sie). Ihr könnt euch nicht vorstellen, als was für eine riesige Erleichterung ich das empfinde.

Aber dieses herzzerreißende Gefühl, dem Pferd sein Pferdsein nehmen zu müssen, einfach weil die Haltung es nicht anders zulässt, das werde ich nie vergessen. Ich werde es in Erinnerung behalten als etwas, das ich bitte nie wieder fühlen möchte. Aber man kann es auch positiv nutzen und auch dieses Gefühl als Wegweiser sehen, der von einem alten Weg wegzeigt, den man nie wieder zurückgehen möchte. Und der in eine Richtung zeigt, die golden am Horizont glänzt und viel näher ist, als wir manchmal glauben. In diesem Sinne: Schenkt den Pferden Freiraum und ihr werdet reich belohnt. Kommt mit in die Welt voller Geheimnisse! Es gibt dort noch so viel zu entdecken. <3

4 Kommentare

  1. Liebe Tina, ich habe deine Beschreibung sehr genossen! Danke, dass du sie aufgeschrieben und hier veröffentlicht hast. Und ja: vergiss diese Erfahrung nicht. Das wäre wirklich zu schade. Schön, dass du sie als Wegweiser genommen hast. Du berührst einen Teil meiner eigenen Erfahrungen und Hoffnungen mit diesem Text, und ich denke, auch die von vielen anderen Pferdemenschen auch.

    • Liebe Regina, danke für deine Worte! Ja, der Wegweiser, das ist ein richtig gutes Bild! Natürlich nicht von mir erfunden, sondern von Kati Westendorf (zumindest hab ich es von ihr), aber ich habe es gern für mich angenommen. 🙂 Die Sache mit der Boxenhaltung ist ja leider noch sehr verbreitet, das stimmt. Hast du auch einen Stallwechsel hinter dir oder steht er euch noch bevor?

  2. Liebe Tina. Leider steht bei mir kein Stallwechsel mehr an. Vor 4 Jahren musste ich leider meine geliebte Stute in ihrem letzten Stall (Offenstall) wegen unheilbarer Schmerzen erlösen lassen. Danach habe ich mir aus Alters- und Finanzgründen kein eigenes Pferd mehr geholt, ich versorge wohl die Pferde + Katzen + Häuser von Freunden, wenn sie in Urlaub sind 😉 und das kommt relativ oft vor.

    • Oh, das ist ja schade. Aber verständlich. Wenn du aber öfter mal Pferde sitten darfst, ist das ja auch was Schönes. 🙂 Ich hab ja derzeit auch „nur“ ein Pflegepferd und kein eigenes. Ich muss eh noch so viel lernen, da habe ich noch etwas Zeit mit dem eigenen Pony, auch wenn es natürlich ein Traum ist, der sich nicht wegdiskutieren lässt. 🙂

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