Rope ab, Pferd frei: meine erste Freiarbeit

Rope ab, Pferd frei: meine erste Freiarbeit

Die Freiarbeit mit Pferden ist ein faszinierendes Thema. Es sieht unglaublich leicht und schön aus, wenn ein Pferd frei mit seinem Menschen zusammenarbeitet, ihm folgt – freiwillig und nicht weil es muss, weil der Mensch es zwingt. Vor kurzem stand ich mit meiner Pflegestute Jacky alleine in der Halle und habe es ganz spontan einfach mal gewagt: Rope ab, Pferd frei! Warum das für meinen bisher großartigsten Pferdemoment gesorgt hat, möchte ich heute näher erzählen.

Jacky, meine introvertierte Lehrmeisterin

Jacky und ich kennen uns jetzt seit etwa drei Monaten. Sie ist das erste Pferd, das ich näher kennenlernen darf, und sie hat mir jetzt schon sehr viel beigebracht. Jacky ist eine 17-jährige Quartermixstute, die derzeit ein wenig mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat. Ihre Laune ist dann auch oft dementsprechend, und obwohl sie ein eher zurückhaltendes Pferd ist, zeigt sie mir manchmal sehr deutlich an, wenn sie nicht mehr gekrault oder generell mehr als unbedingt nötig angefasst werden möchte.

Quarterstute schaut genervt

Ich würde gerne viel mehr mit ihr kuscheln, aber sie mag das einfach in den allermeisten Fällen nicht. Für mich ist es klar, dass ich das respektieren muss, damit sie mich als angenehmen Partner wahrnehmen kann. Wir würden es ja selbst nicht anders wollen, oder? Manchmal fällt mir das ganz schön schwer, aber ich arbeite definitiv daran.

Aber ich schweife ab – was ich sagen wollte, ist: Sie ist kein besonders überschwängliches Pferd und zeigt ihre Zuneigung oft nur sehr subtil. Oder gar nicht. Was in meinen Augen auch (aber nicht nur, es ist auch einfach ein Teil ihrer Persönlichkeit) daran liegt, dass sie manchmal Schmerzen und Bauchweh hat und sich wahrscheinlich an solchen Tagen einfach mies fühlt. Ein freundlicher Mensch kann ihr darüber dann auch nicht hinweghelfen – verstehe ich absolut. Die Idee, unsere noch junge Beziehung in der Freiarbeit sichtbar zu machen, war jedenfalls durchaus eine, die mich auch hätte betrüben können. Aber es kam ganz anders…

Willkommen in der Freiwilligkeit

Klick, und das Rope löst sich aus dem Halfter. Jacky ist frei. Mein Herz klopft ein bisschen, schließlich war ich schon öfter alleine in der Halle und habe mich bis heute nie getraut, sie loszumachen. Ich hatte immer Angst, dass ich sie alleine nicht mehr eingefangen kriege. Mittlerweile glaube ich, dass das von Anfang an ein total absurder Gedanke war, aber manchmal halten wohl auch absurde Ängste einen davon ab, etwas zu tun. Ich habe nur einen Plan für das weitere Vorgehen: Das Pferd wird entscheiden, was es machen möchte, wo es das machen möchte und ob ich ein Teil davon sein darf oder nicht. Ich habe keine Ahnung, was mich erwartet und finde das unglaublich spannend. Wie wird sie reagieren? Wird sie zu mir kommen? Ich bin fest entschlossen, nicht traurig zu sein, wenn sie sich gegen meine Nähe entscheidet. Und wahrscheinlich ist es gerade meine erwartungslose Haltung, die sie später dazu bringt, sich irgendwann tatsächlich mir zuzuwenden. <3

Zuerst scheint sie etwas verwirrt zu sein, dass ich ihr diesen Freiraum schenke und dass sie jetzt entscheiden darf, was sie tut. Es ist ja schließlich auch das erste Mal, dass ich sie freilasse. Sie fängt sich aber relativ schnell und schnuppert wie ein Spürhund mit der Nase über den Boden, um sich einen schönen Wälzplatz zu suchen. Nachdem das erledigt ist, schaut sie sich erstmal in aller Ruhe in der Halle um, geht hierhin, dorthin, verweilt immer wieder und schaut nach draußen. Ich bleibe erstmal einfach in der Hallenecke stehen, in der ich sie losgemacht habe, und schaue ihr zu. Ich lasse sie einfach machen und gebe erstmal keine Impulse.

Es dauert tatsächlich gar nicht lange, vielleicht zehn oder 15 Minuten, bis sie tatsächlich vom einen Hallenende aus losschlendert und zu mir zurückkommt.

Quarterstute Jacky bei der Freiarbeit in der Reithalle

Mein Herz macht einen großen Freudenhüpfer, ich lobe sie überschwänglich und kann nicht anders, als ihr auch ein Leckerli dafür zu geben, weil ich so glücklich bin, dass sie freiwillig meine Nähe sucht. Auch wenn ich im selben Moment das Gefühl habe, dass ich sie damit jetzt bestochen habe. Aber immerhin war sie zuerst bei mir, ohne was von dem Leckerli zu wissen. 😉 Sie bleibt ein bisschen bei mir stehen, lässt sich sogar ein bisschen streicheln, entscheidet dann aber, dass sie jetzt lieber wieder weggehen möchte. Ich finde das ok und freue mich lieber darüber, dass sie frewillig bei mir war.

Sie kommt noch mehrfach zurück zu mir und folgt mir auch ein Stück durch die Halle, bleibt mit mir stehen und geht mit mir los. Sie entscheidet sich aber auch hier nach kurzer Zeit, die Situation zu verlassen. Da ich mit sehr niedrigen Erwartungen an das Ganze herangegangen bin und das Wichtigste für mich ist, dass SIE entscheiden darf, ist auch das vollkommen in Ordnung für mich. Ich fühle mich schon jetzt ganz leicht und unbeschwert. Ist es nicht wahnsinnig toll, dass sie bei diesem ersten, ungeplanten und unvorbereiteten Ausflug in die Freiarbeit mehrfach zu mir kommt? Aus freien Stücken? Damit bin ich schon sehr, sehr glücklich und es gelingt mir tatsächlich in der gesamten Einheit, alles positiv zu sehen und mich über jeden kleinen gemeinsamen Schritt zu freuen.

Leise Töne statt wilder Action

Wir zeigen keine anspruchsvollen Übungen (die das Pferd zwar beherrscht, ich als Immer-noch-Anfänger aber noch lange nicht) oder rasante Tricks. Das Actionlevel ist sogar ziemlich gering, außer Schritt zeigt Jacky keine weitere Gangart. Aber das muss sie auch alles gar nicht, denn ich habe die Entscheidungsgewalt ja vollständig an sie abgegeben. Und wenn sie gern einfach nur stehen und schauen möchte und ab und zu mal im Schritt woanders hinschlendern, dann darf sie das. Und sie scheint es sichtlich zu genießen.

Ich habe das Gefühl, dass während dieser Einheit ganz viel zwischen uns passiert, leise und unauffällig. Nicht sichtbar von außen. Ich glaube, dass unser Vertrauen ineinander um Einiges gewachsen ist. Mein Vertrauen in sie ist auf jeden Fall stärker geworden. Ich habe keine Angst mehr davor, dass sie sofort davonstürmt und ich sie nie wieder einfangen kann. Ich weiß jetzt, dass sie mich nicht sooo schlecht finden kann, wie ich es manchmal aufgrund ihres abweisenden Verhaltens befürchte. Denn sie hat meine Nähe gesucht, wenn auch nicht die ganze Zeit. Aber das einzige, was zählt, ist, dass sie es getan hat. Freiwillig und sogar mehrfach. Dieses warme Gefühl habe ich ganz fest in mein Herz eingeschlossen und ich muss immer wieder daran denken, wie wunderschön es sich angefühlt hat. Über ihr Vertrauen in mich kann ich natürlich größtenteils nur spekulieren, aber mein Bauchgefühl sagt mir, dass das für sie auch eine gute Erfahrung mit mir war.

Der ganz große Moment

Nachdem Jacky sich eine ganze Weile selbständig entfalten konnte, hat sie noch einen ganz großartigen Herzschlagmoment für mich. Ich stehe wieder in einer Hallenecke und schaue ihr zu. Sie wendet sich der gegenüberliegenden Hallenecke zu, in der zwei Tonnen und die Aufstiegshilfe stehen. Sie versucht erst, da irgendwie rückwärts einzuparken und ich frage mich belustigt, was das wohl werden soll? Irgendwann überlegt sie es sich anders und dreht sich um.

Quarterstute Jacky bei der Freiarbeit in der Reithalle

Als erstes stellt sie sich so über die Aufstiegshilfe, dass ihre Vorderbeine davor stehen und die Hinterbeine dahinter. Ich erkenne darin die Übung „Über der Stange halten“, die ich schon ein paarmal mit ihr gemacht habe und freue mich total, dass sie mir das von sich aus anbietet – und dann auch noch über einem ganz anderen Gegenstand als einer Stange! Ich lobe sie überschwänglich aus der Ferne und warte ab, was weiter passiert.

Und dann traue ich meine Augen kaum… sie tritt an und steigt tatsächlich mit den Hinterbeinen über die Aufstiegshilfe drüber! Und zwar nicht über die untere, sondern über die obere Stufe, die ihr von der Höhe her ja so etwa bis zu den Sprunggelenken reicht. Da musste sie also die Beine ganz schön hoch heben! Ich bin so begeistert, dass mir direkt ein paar Tränchen in die Augen schießen, denn: Ich habe mit ihr noch eine weitere Übung mit einer Stange gemacht, nämlich das Hufe zählen. Dabei hebt das Pferd jeden Huf einzeln über die Stange. Ich habe sie bei dieser Übung auch immer ganz arg gelobt, wenn sie was richtig gemacht hat. Vielleicht hat sie sich daran erinnert und wollte mir gerne etwas zeigen, was wir zusammen schonmal gemacht haben, damit ich mich freue? Wieder kann ich nur spekulieren, aber in dem Moment war es für mich einfach sonnenklar, dass sie mir gern etwas anbieten wollte, das mir gefällt. Und da mein Übungsrepertoire in der Bodenarbeit noch nicht so gigantisch ist… war das Hufe zählen sicher naheliegend für sie. Und die Tatsache, dass da statt einer Stange nur die Aufstiegshilfe in Frage kam, hat sie offenbar nicht gestört. Wie mutig auch von ihr, die Übung zu zeigen, obwohl nur die Aufstiegshilfe da war, schließlich ist die um ein Vielfaches höher als die Stange, mit der wir geübt hatten. Und gerade mit den Hinterbeinen fällt es ihr auch manchmal etwas schwer, über die Stange zu treten. Und trotzdem hat sie es für mich getan… das hat mich total überwältigt! Ich habe sie gelobt, als gäb’s kein Morgen mehr und hatte ganz schön zu tun, meine Freudentränen wegzuwischen.

Das Glücksgefühl konservieren

Ich habe sie dann noch ein bisschen herumgehen lassen und die Einheit dann beendet, denn besser konnte es aus meiner Sicht an diesem Tag nicht mehr werden. Ich fühlte mich so leicht, befreit, beschwingt und voller Glück über diesen magischen Moment, den meine liebe, distanzierte Pflegestute mir da geschenkt hatte. Das hält auch bis heute noch an. Ich versuche, diese positiven Gefühle möglichst gut zu konservieren und in schwierigen Momenten (die wir natürlich auch immer wieder haben) immer daran zu denken. Ihr neugieriger Blick, ihre aufgestellten Öhrchen, wenn sie mir zu mir zurückkam… all das hat mich mit einer solchen Welle von Glücksgefühlen überschwemmt!

So kann es sein, wenn man dem Pferd Freiraum und Vertrauen schenkt: Man bekommt ein Vielfaches von dem zurück, was man investiert. Pferde haben uns soooo viel zu geben, wenn wir sie nur lassen. Ich habe mir fest vorgenommen, solche Einheiten immer wieder einzulegen, wann immer es möglich ist. Wer weiß, was sie mir noch von sich aus anbietet? Ich möchte ihr sehr gerne immer wieder in unserem Zusammensein die Entscheidungen überlassen, natürlich nur in einem geschützten Rahmen. Ich glaube, dass das dem Selbstwertgefühl des Pferdes einen richtigen Push gibt und dass es auch uns Menschen gegenüber wohlgesonnener wird, wenn es merkt, dass es auch mit uns einfach mal tun und lassen kann, was es will. Natürlich sollte die eigene Meinung unserer Pferde auch im normalen Training eine Rolle spielen, gar keine Frage. Aber diese Art des bedingungslosen Zusammenseins mit dem Pferd hat für mich noch eine vollkommen andere Dimension, die ich unbedingt weiter ausbauen und erleben möchte. Es war so spannend, sie zu beobachten, ihr beim Denken zuzusehen. Denn ich hatte den Eindruck, dass sie während und nach der Einheit ganz viel zum Nachdenken hatte.

Einfach mal überraschen lassen

Ich möchte euch ganz dringend dazu ermutigen, euch im Zusammensein mit eurem Pferd auch einfach mal überraschen zu lassen. Ohne Erwartungen zum Pferd zu gehen und zu schauen, was es gerne machen würde. Mir fehlt derzeit noch ein bisschen das Gespür dafür, das meinem Pflegepferdchen aus Mimik und Körpersprache abzulesen, was es am jeweiligen Tag von mir braucht. Wer da schon etwas ausgereifter ist, ist da natürlich klar im Vorteil. Aber auch als Pferdesprache-Bronko kann man mit einer freien Einheit herausfinden, wie es um das Befinden und die Laune des Pferdes bestellt ist und was ihm Spaß macht.

Ich möchte noch dazu sagen, dass ich vor meinem Freiarbeitsdebüt noch ein paar hässliche Diskussionen mit Jacky über das Thema Grasfressen hatte. Ich habe dann beschlossen, dass wir das Thema Gras von Grund auf mit Grastraining angehen müssen. Sie weiß zwar, dass sie bei ihrer Besitzerin nur auf Kommando grasen darf, die Transferleistung auf mich ist aber, sagen wir mal, noch nicht ganz abgeschlossen. 😉 Nach diesem für uns beide unschönen und stressigen Erlebnis habe ich mich dann mit ihr in die Halle begeben und wurde dort für meinen Mut und meine Geduld plötzlich mit dem berührendsten Pferdemoment belohnt, den ich bisher hatte. Für mich ist die Lehre daraus eindeutig: Nicht länger als nötig über Fehler und Unschönes grämen. Aufstehen, Krönchen richten und weitermachen – mit einer gelassenen, geduldigen und positiven Einstellung! Dann könnte es sein, dass ihr ganz unerwartet reich von euren Pferden belohnt werdet. <3

Nicht unerwähnt lassen möchte ich zum Schluss, dass Miri von MeinFaible mich bei der abwartenden und geduldigen Herangehensweise in der Freiarbeit inspiriert hat. Sie hat einen tollen Text darüber geschrieben, wie sie bei einem Seminar die Freiarbeit mit einem ihr bis dahin unbekannten Pferd gestaltet hat.

Mein Name ist Tina. Ich bin Anfang 30 und im Ruhrgebiet zuhause. Hier schreibe ich über das grüne Ruhrgebiet, schöne Ausflugs- und Reiseziele, Bücher und meinen Start ins Pferdemenschenleben als erwachsene Allergikerin. ;)

2 Kommentare

  1. Oh was für ein schöner Beitrag, ich konnte richtig nachfühlen, wie es in dir gekribbelt haben muss!

    Es liest sich ein bisschen wie ein kleines, zerbrechliches Pflänzchen, das man geduldig pflegen und ganz vorsichtig umsorgen möchte, damit es nicht abknickt. Das schönste an solchen Begegnungen ist für mich neben dem tiefen Erlebnis in der Beziehung zum Pferd vor allem auch, dass man so vieles über sich selbst lernt.

    Danke für deine Offenheit, ich freu mich mehr von euch zu lesen! ❤

    • Liebe Miri,

      ganz lieben Dank für deine tollen Worte! <3 Das Pflänzchenbild ist ja wunderschön, da hast du das Gefühl genau getroffen! Vor allem ist das zarte Pflänzchen ganz unerwartet und leise aus dem Boden gekommen... hach, das war wirklich ganz ganz toll. Und ich finde es auch beeindruckend, wie viel man über sich selbst lernt, bzw. auch, dass man plötzlich ganz neue oder länger verschüttete Seiten an sich entdeckt. Geduld ist sicher nicht meine Stärke, und doch konnte ich diese Eigenschaft in meiner kurzen Pferdezeit bisher schon ziemlich ausbauen – ohne Geduld kommt man ja nicht wirklich weit mit unseren behuften Freunden. 🙂 Spontaneität ist auch oft nicht so meins... und kaum werfe ich von diesen ungewohnten Seiten mal was in die Waagschale, kommt sowas Geniales dabei raus. Also ich bin seitdem innerlich mindestens 5 cm gewachsen! 😀

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