Eventbericht: Pfernetzt

Eventbericht: Pfernetzt

Ich habe es schon mehrfach angedeutet, ich war Anfang Mai bei Pfernetzt und es war noch viel wunderbarer, als ich es je gedacht hätte. Pfernetzt war ein Wochenend-Event für Pferdemenschen, organisiert von acht Pferdebloggermädels (und Technik-Fee Tom):

Über 20 pferdefreundliche Speaker waren da und haben über ihre Arbeit gesprochen, Anregungen gegeben, Ideen verbreitet. Stattgefunden hat das Ganze so ziemlich in der Mitte Deutschlands: im beschaulichen Hofbieber in der Nähe von Fulda in Hessen. Das Pfernetzt-Team hatte dafür eine tolle Location gemietet, das Seminarhotel Fohlenweide. Ein ganzes schönes Hotelgelände nur für die 200 pferdeverrückten Menschen, die eine Gemeinsamkeit haben: den Wunsch nach einer harmonischen und pferdegerechten Zusammenarbeit mit dem Partner Pferd.

Ich möchte euch hier einen Einblick geben, wie ich das Event erlebt habe und welch wertvolle Gedanken mich seitdem tragen…

Vorsicht, lang: Wer sich vor allem für die Pferdelehren interessiert und weniger für das, was ich am Freitag vor dem Event gemacht habe… hier geht’s lang, bitte. 😉

Freitag: Volle Autobahn und Ponys im Wald

Los geht’s für mich gegen Mittag in Dortmund. Nach einem letzten Blick auf den Hochofen in Phoenix-West steige ich ins Auto und steuere die Autobahn an. Ich fahre extra so früh los, um dem schlimmen Freitagnachmittagfeierabendverkehr zu entgehen und finde mich ziemlich schlau. Leider ist die A44 trotzdem so voll, dass ich fast 100 km lang den gleichen Vordermann auf der linken Spur habe, weil es einfach kein Durchkommen gibt. Auf der A7 gibt es zwar endlich wieder drei Fahrstreifen, allerdings ist das Fahren trotzdem recht ungemütlich. Besser wird es erst auf den Landstraßen, auf denen ich mich allerdings wegen einer Vollsperrung ein bisschen verfahre und kurz befürchte, dass ich Hofbieber niemals finden werde. 😀 So fahre ich ein wenig verloren durch die tolle Landschaft, verliere unterwegs noch den Navi-Empfang und kichere ein bisschen irre. Ich bin aufgeregt! Schließlich fahre ich alleine zum Event. Absichtlich. Ich will mir eine Auszeit gönnen, den Freitag als Tag für mich alleine nutzen und dann sehen, was die Veranstaltungstage am Samstag und Sonntag für mich bereithalten. Mein Credo: Selbst wenn da alle doof sind, die Vorträge werden mich steil nach oben bringen! Und wie Recht ich doch hatte – zumindest mit dem zweiten Teil!

Irgendwann bin ich nach ein paar Ehrenrunden durch diverse Dörfer endlich an der Fohlenweide angekommen und kann nach drei Stunden Fahrt etwas gerädert aus dem Auto steigen.

Auf dem Parkplatz werde ich von zwei Katzen begrüßt, die mich verschlafen angucken, als hätten sie heute gar keinen Besuch erwartet. Außerdem fällt mir sofort auf, wie schön ruhig es am Hotel ist. Vogelgezwitscher und sonst nichts. Ein Traum! Nachdem ich mein Gepäck aufs Zimmer verfrachtet habe, mache ich mich auf, um die Umgebung zu erkunden.

Einatmen, ausatmen

Eigentlich wollte ich noch an der Rezeption nach einer Wanderroute für einzwei Stunden fragen, entschließe mich dann aber dazu, einfach loszulaufen. Ich mag das, einfach in irgendeine Richtung aufzubrechen und zu schauen, wohin der Weg einen führt. Direkt hinter dem Hotel finde ich dann auch schon einen Wanderweg, der mich durch die wunderschöne Landschaft der hessischen Rhön streifen lässt. Ich bin insgesamt zwei Stunden unterwegs und treffe in der ganzen Zeit… niemanden! Kein Mensch ist unterwegs. Ich atme tief durch und sauge die frische Landluft ein, das Vogelgezwitscher, die Ruhe und Gelassenheit, die die Natur ausstrahlt. Ich setze mich zwischendurch auf eine Bank und genieße den Ausblick über die Felder und Wiesen, in der Ferne sind Berge zu sehen (ja, für mich als Pottbewohnerin sind das richtige Berge 😉 ).

Ausblick vom Rhönrundweg 8 in Hofbieber

Ich hatte ja hier schonmal ausführlicher geschrieben, warum ich den Wald so sehr mag… und auch hier fängt mich die Magie von Wald und Natur sofort wieder ein. Die nervige Autofahrt ist vergessen und ich bin einfach nur noch. Ich bin im Moment.

Ich sehe drei Rehe am gegenüberliegenden Feldrand und freue mich. Das habe ich noch nicht so oft beobachten können. Das größte Highlight meiner kleinen Wanderung ist allerdings, dass ich irgendwann zwei Ponys mitten im Wald entdecke. Das habe ich vorher tatsächlich noch nie gesehen. 😉 Die beiden sind zuckersüß und ich bleibe ein bisschen am Koppelzaum stehen und beobachte sie beim Grasen. Irgendwann siegt die Neugier und sie kommen zu mir.

Zwei zauberhafte Ponys auf einer Koppel mitten im Wald

Ich freue mich ganz doll und spreche ein bisschen mit ihnen. Als ich weitergehe, laufen sie mir am Zaun entlang hinterher. Ich bleibe noch ein bisschen dort, bis es irgendwann doch Zeit wird, Richtung Hotel zurückzugehen. Ich habe ein breites Grinsen im Gesicht und freue mich über meinen jetzt schon gelungenen Trip nach Hessen. Während ich gerade ganz beschwingt durch den Wald stapfe und mich meines Lebens freue, fliegt mir ein Insekt ins Auge und ich habe Probleme, seine Überreste da wieder rauszupuhlen… es brennt und tränt, die Wimpterntusche verteilt sich und ich muss über mich selbst lachen, weil ich jetzt bestimmt aussehe wie ein einseitiger Panda und weil meine euphorische Stimmung durch so ein typisches Missgeschick gestört wird. 😉

Dass ich während meines Ausflugs so gut wie gar keinen Internetempfang habe und Googlemaps nur so halb funktioniert, gibt der ganzen Sache einen zusätzlichen leichten Hauch von Abenteuer. 😀 Schließlich bin ich einfach auf gut Glück losgelaufen und habe keine Ahnung, ob ich mich wirklich auf einem Weg befinde, der mich irgendwie wieder zum Hotel zurückbringt. Der Wandergott ist aber gnädig mit mir und ich finde super wieder zurück. Ich stelle fest, dass zur Fohlenweide auch noch eine ganz tolle, riesengroße Obstwiese gehört. Und ein hübscher runder Teich mit lustigen Bäumen drumherum.

Teich mit hübschen Bäumen am Seminarhotel Fohlenweide in Hofbieber

Ich bleibe noch ein wenig draußen sitzen und bin voller Vorfreude auf das, was noch kommen wird.

Spargel in Hofbieber

Zum Abendessen fahre ich nach Hofbieber. Ich weiß, dass das Dorf nicht besonders groß ist – es hat um die 6000 Einwohner – allerdings ist es dort schon sehr verschlafen. Ich weiß nicht, wo die 6000 sich freitagabends so rumtreiben, aber im Dorfzentrum sind sie jedenfalls schonmal nicht. ;D Es gibt aber eine echt schicke Kirche und davor einen Mini-Park, der nicht ohne ein Schild mit Regeln drauf auskommt. Hihi…

Kirche St. Georg in Hofbieber

Schild im kleinen Park in Hofbieber

Ich esse Spargel in der Kiesbergquelle und bin danach ziemlich satt. Ich bin es nicht gewohnt, alleine im Restaurant zu essen und ein bisschen angespannt. Das leckere Essen hilft aber. 😉

Zurück am Hotel gehe ich nochmal raus. Ich will noch einen kurzen Rundweg gehen, bevor es dunkel wird. 2,2 km müssten zu schaffen sein. Leider verirre ich mich total, was daran liegt, dass es irgendwie mehrere Rundwege mit der Nummer 2 gibt. Ich bin verwirrt. Ich kehre irgendwann um, weil es dann doch unangenehm dunkel wird. Als ich an einer Kuhweide vorbeikomme, mache ich unfreiwillig Bekanntschaft mit der Tatsache, dass Kühe manchmal gar nicht so friedlich sind, wie ich immer dachte… anscheinend komme ich ihrem Weidezaun zu nahe. Die Rinder verfolgen mich! Erst denke ich, ach wie niedlich, die sind neugierig und wollen mal gucken kommen. Von wegen! Ich warte und lasse mich einholen… und werde ziemlich finster angeschaut! Die Chefkuh, die vorausgelaufen ist, senkt irgendwann den Kopf und stampft mit dem Bein auf. Ugh. Das kommt mir unfreundlich vor, und ich beginne an der Stabilität des Stacheldrahtzauns zu zweifeln… ich sehe zu, dass ich wegkomme, muss allerdings noch eine ganze Weile an den Kühen vorbeilaufen, die mich bis zum Schluss verfolgen. Argh! Zurück im Hotel recherchiere ich etwas über Kühe und komme zu dem Schluss, dass ich mich künftig besser weiter entfernt von Kuhherden aufhalten werde.

Ich sehe außerdem noch einen richtigen Feldhasen über die Wiesen hoppeln und freue mich. Während ich den Tag im Hotelzimmer noch ein bisschen auf mich wirken lasse, ruft draußen immer wieder eine Eule. Es ist schön hier auf dem Land.

Samstag: Magische Worte

Samstag Morgen, 7 Uhr. Mein Wecker klingelt und ich kann mir nicht wirklich vorstellen, aufzustehen. Müde schleppe ich mich zum Frühstück und setze mich alleine an einen Tisch. Um die Uhrzeit ist es nicht schlimm, allein zu sein. 😉 Die meisten anderen sind im Rudel unterwegs. Ich stapfe nach dem Essen nochmal zurück auf mein Zimmer und genieße die Ruhe, bevor ich mich zur Reithalle aufmache, die es praktischerweise auch auf dem Hotelgelände gibt. Dort begrüßt uns das Pfernetzt-Team, und die Spannung steigt! Um ein bisschen lockerer zu werden, machen wir erstmal ein bisschen Sport. Auweia! Ich bin erst gar nicht begeistert von dieser Idee, aber das Ergebnis in Form von gelockerter Nacken- und Schultermuskulatur überzeugt mich dann doch. 😉

Im Folgenden werde ich euch meine Eindrücke von den Vorträgen und Vorführungen schreiben, die ich mir angesehen habe. Da ich tatsächlich an den beiden Veranstaltungstagen nicht mehr so viel allein war wie am Freitag, waren diese beiden Tage ziemlich intensiv und boten wenig Platz fürs Tagträumen. Deswegen ab hier weniger Erlebnisbericht und mehr pferdebezogener Ergebnisbericht.

Babette Teschen (Lüneburg): Anatomisch korrektes und pferdefreundliches Longieren

Babette Teschen bei Pfernetzt

Babette Teschen macht als Key Speakerin von Tag 1 den Anfang. Auf sie habe ich mich ganz besonders gefreut, weil ich ihre Art, mit Pferden zu arbeiten und Pferde zu sehen, ganz großartig finde. Zusammen mit Tania Konnerth schreibt sie auch einen tollen lesenswerten Blog mit ganz viel pferdefreundlichem Input: www.wege-zum-pferd.de. Nun ist sie also da und erklärt, wie man ein Pferd so longieren kann, dass es seiner Gesunderhaltung dient. Wie auf Schienen soll es laufen und sich nicht wie ein Motorrad in die Kurve legen. An einem fremden Pferd zeigt Babette dann auch praktisch, wie die ersten Schritte in diese Richtung aussehen können, wenn das Pferd das Longieren noch nicht gut kennt.

Babette Teschen bei Pfernetzt

Ich bin beeindruckt von ihrer ruhigen und klaren Art und finde alles, was sie zum Longieren sagt, sehr einleuchtend. Ich setze einen Wochenendkurs bei ihr auf meine To-do-Liste, um mehr über das pferdefreundliche Longieren zu lernen und vielleicht irgendwann auch mal mein Pflegepferd zu longieren.

Außerdem lerne ich, dass es fürs Pferd angenehmer ist, wenn man die Longe in beiden Händen hält. Das wusste ich noch nicht und schreibe es mir gleich in mein Notizbuch. Und: Die Hand, die man näher am Pferd hat, soll man wie eine Zügelhand halten. Die Einwirkung in Richtung Pferd wird dadurch viel feiner, als wenn man die Longe einfach so in der Hand hält. Ich bin begeistert, dass wir mit zwei so kleinen Stellschrauben eine Erleichterung für unser Pferd erzeugen können!

Kirsten Fleiser (Köln): Gesund erhaltend trainieren mit Dualgassen

Weiter geht’s für mich mit Kirsten Fleiser, die sich mit Dualaktivierung und Equikinetic beschäftigt und einen ganzen gelb-blauen Parcours mitgebracht hat. Bei tollstem Sonnenschein sitzen wir vor der Reithalle und erfahren mehr darüber, wie Dualaktivierung funktioniert. Nach einem kurzen Theorieteil geht es an die Praxis, und die Teilnehmer dürfen die verschiedenen Stationen am eigenen Leib kennenlernen – sowohl als Pferd als auch als führender Mensch.

Kirsten Fleiser bei Pfernetzt

Mangels Partner probiere ich nicht alles selbst aus, finde die Idee aber super. Auch Kirsten spricht noch einmal die Vorteile der Zweihandtechnik beim Longieren an. Was mir außerdem noch im Gedächtnis bleibt, ist ihr Satz:

„Wir gehen erst zum Pferd und stellen ihm eine Frage, wenn wir uns und unsere Hilfsmittel fertig sortiert haben.“ (Kirsten Fleiser)

Ich verknote mir noch regelmäßig die Hände mit Rope, Stick oder Gerte und nehme mir vor, das in Zukunft besser zu beherzigen. Wenn ich unsortiert zum Pferd gehe, kann ich ja auch keine klare Antwort erwarten – eigentlich total logisch, aber man vergisst es so leicht.

Kati Westendorf (Espelkamp): Zusammenarbeit mit Pferden

Kati Westendorf von Equinality hält einen wirklich großartigen und berührenden Vortrag, und auch die Reaktionen aus dem Publikum sind echt toll. Ich bin total froh, dass ich dabei war, weil ich so viele gute Gedanken und Anregungen daraus mitgenommen habe – und das völlig unverhofft! Dafür hat mich die Erkenntnis dann aber auch gleich wie der Blitz getroffen…

Kati erklärt zunächst, wie wichtig Balance ist: Für eine gute Zusammenarbeit mit meinem Pferd ist es essentiell, dass das Pferd sich körperlich, geistig und seelisch in Balance befindet. Den körperlichen Part können wir z. B. durch gymnastizierende Bodenarbeit unterstützen. Die geistige Balance unterstützen wir, indem wir dem Pferd unsere Wünsche so gut erklären, dass es sie versteht. Und bei der seelischen Balance ist die Frage: Wie fühlt sich das für mein Pferd an?

Spannend wird es vor allem, als Kati sich näher diesem dritten Aspekt widmet. Eine ihrer Kernaussagen dazu ist: Das Pferd soll eine gute Meinung über sich selbst haben. Ja, klar, dachte ich mir zuerst. Ist ja logisch. Aber wie oft vermitteln wir unserem Pferd ein gegenteiliges Gefühl, weil es unsere Erwartungen nicht erfüllt? Wie oft suchen wir den Fehler beim Pferd und ärgern uns darüber, vielleicht auch, ohne das eigentlich zu wollen? Natürlich ist es mein Ziel, eine harmonische Zusammenarbeit mit meinem Pflegepferd zu haben, und natürlich weiß ich, dass es in 9 von 10 Fällen meine Schuld sein wird, wenn irgendwas nicht klappt. Trotzdem ist der Satz hängen geblieben und wird mich noch weiter beschäftigen.

Kati hat das super illustriert: Wenn ich mein Pferd behandle wie einen Pinguin, der sowieso nicht fliegen kann, und ihm immer wieder das Gefühl gebe, dass es meine Erwartungen sowieso nicht erfüllen kann, dann fühlt sich das Pferd nur minderwertig und wird demotiviert. Viel hilfreicher ist es, wenn wir uns die Hummel zum Vorbild nehmen. Die Hummel sieht aus, als könnte sie nicht fliegen, kann es aber doch, und übertragen aufs Pferd heißt das:

Wenn wir unseren Pferden immer wieder sagen, dass sie fliegen können, dann fliegen sie vielleicht irgendwann für uns. (Kati Westendorf)

Das ist so eine zauberhafte Idee, und ich glaube, allen, die dabei waren, hallt das immer noch im Kopf nach.

Richtig emotional wird es dann, als das Publikum mit Kati in den Dialog tritt. Sätze, die mir daraus besonders in Erinnerung geblieben sind:

Vertraue deinem Gefühl. Ein Gefühl kann nicht falsch sein. (Kati Westendorf)

Sei deinem Pferd Lehrer und Schüler zugleich. (Kati Westendorf)

Zwei ganz große Aha-Erlebnisse gibt es noch für mich. Als eine Teilnehmerin sagt, dass es manchmal so schwer ist, aus alten erlernten Mustern im Umgang mit dem Pferd auszubrechen und dass sie immer mal wieder darin zurückfällt und sich dafür schämt, hat Kati die perfekte Antwort parat:

Fühl dich nicht schuldig, wenn du vielleicht mal in alte Muster zurückfällst, sondern sieh das als Wegweiser dorthin, wo du hinmöchtest. (Kati Westendorf)

Wow. Für mich ist das einer DER Sätze bei Pfernetzt. Ich bin fasziniert, wie man auch etwas, das man selbst richtig doof findet, zu etwas Positivem machen kann! Auf die Idee, eigene Fehler unter dieser Perspektive zu sehen, bin ich tatsächlich noch nie gekommen, aber ist es nicht unglaublich befreiend, das so zu sehen? Ich mache einen Fehler, ärgere mich. Aber dann schau ich einfach weiter nach vorn und sehe es als Wegweiser, der die Kontur des Wegs anzeigt, den ich gehen möchte. Indem ich mir bewusstmache, was ich eigentlich nicht möchte, kann ich daran wachsen und den nächsten Schritt in die positive Richtung gehen, die ich mir zum Ziel nehme. Das ist einfach toll! Diese Sichtweise wird mich auch noch lange begleiten.

Tatsächlich ist mir auch erst zuhause und als ich mich nochmal kurz mit Kati austausche, aufgefallen, dass ich ihren Rat auch ganz konkret auf meine eigenen Probleme beziehen kann. Schließlich habe ich wegen meiner nicht vorhandenen Pferdezeit in der Jugend selbst nicht das Problem, dass ich aus alten Mustern ausbrechen muss. Schlechte Zeiten in wenig pferdegerechten Schulställen sind mir erspart geblieben. Aber Fehler mache ich natürlich trotzdem oder gerade wegen meiner fehlenden Erfahrung.

Und vor kurzem habe ich mein Pflegepferdchen mal ein wenig vom Boden aus gearbeitet und dabei übersehen oder einfach nicht genug bedacht, dass sie dabei Schmerzen hatte. Sie hat so gut mitgearbeitet, dass ich dachte, das hat jetzt uns beiden Spaß gemacht. Leider habe ich ihre sicherlich vorhandenen subtilen Signale während des Arbeitens nicht gesehen. Sie ist auch ein eher introvertiertes Pferd. Aber ich wusste grundsätzlich, dass sie Schmerzen in den Vorderhufen hat; und dass sie mich zuvor beim Hufe auskratzen immer wieder mit dem Maul am Hintern geknufft hatte, hätte mir durchaus Aufschluss darüber geben müssen, wie stark ihre Schmerzen sind. Nun hatte ihre Besitzerin mir aber aufgetragen, dass ich sie ein bisschen leicht auf dem Platz bewege, und ich dachte, dass ihr die Bewegung sicher guttun würde. Leider ging es ihren Hufen aber nach dem Ausflug auf den Platz viel schlechter als vorher und ich fühlte mich deswegen ganz furchtbar. Es tut mir auch heute noch leid, dass ich ihr das zugemutet habe… Aber tatsächlich hilft es mir mehr, wenn ich mich daran erinnere als die eine Situation, die mir klargemacht hat, worauf ich in Zukunft noch stärker achten muss. Die mir aufgezeigt hat, was ich noch alles lernen muss, damit es dem Pferd bei mir gut geht. Das ist viel besser, als ewig mit sich zu hadern, wie schlecht man doch ist und wie wenig man seinem Pferd bieten kann. Danke Kati für diese Erkenntnis. Du bist toll. <3

Das zweite Dialogthema aus dem Publikum betrifft den Umgang mit all dem Schlechten, mit dem wir in der Pferdewelt immer wieder konfrontiert werden. Auch dazu fällt Kati was Positives ein:

Trage den Umgang, den du am Pferd sehen möchtest, in die Welt hinaus und versteif dich nicht auf alles Schlechte, das du überall siehst. Schau aufs Gute und mach mehr davon. (Kati Westendorf)

Dieser Punkt fällt mir persönlich etwas schwer, aber ich nehme es als Denkanstoß und Ziel mit nach Hause. Wenn immer alles einfach wäre, würden wir uns wahrscheinlich auch langweilen. 😉 Der Vortrag hinterlässt bei mir ein tolles Gefühl der Leichtigkeit, das bis heute anhält und von dem ich bestimmt noch lange zehren werde.

Julia Wohlwender (Karlsruhe): Biomechanik

Als nächstes will ich eigentlich etwas über die Psyche des Pferdes erfahren, aber der Vortrag muss wegen Krankheit leider spontan ausfallen. Stattdessen springt Tierärztin Julia Wohlwender ungeplant mit einem Vortrag über Anatomie und Biomechanik ein. Der Themenwechsel zu dem etwas trockeneren Thema verwirrt mich zunächst ein bisschen, aber Julia macht das super und schließlich ist das ja auch ein wichtiges Thema, wenn man sein Pferd gesunderhalten möchte. Wir lernen einiges über das Skelett und die Muskeln des Pferdes, und vor allem Julias Geschichten aus der Praxis sind wirklich interessant.

Am Abend habe ich außerdem das Vergnügen, mich ein bisschen beim Abendessen mit ihr zu unterhalten. Danke für das schöne Gespräch, hat mich gefreut. 🙂

Anna Eichinger (Graz): Akademische Reitkunst – Einfach Reiten

Anna Eichinger kommt aus Österreich und hat sich ganz der Akademischen Reitkunst verschrieben. Sie ist lizensierte Bent-Branderup-Trainerin und gibt uns einen Einblick in die akademische Arbeitsweise. Besonders wichtig ist ihr das Gefühl für das Pferd und das Gefühl für den eigenen Körper, das wir Seminarteilnehmer dann auch gleich am eigenen Leib ausprobieren können: Alle Stühle werden zur Seite geräumt und wir laufen im Kreis. Wir sollen unser starkes Bein finden und den Unterschied spüren, wenn das starke Bein außen oder innen ist. Den richtigen Zeitpunkt für die Hilfengebung dürfen wir auch praktisch erspüren, indem wir uns gegenseitig einmal beim Abfußen und einmal mit Bein auf dem Boden anschubsen. Sehr erhellend!

Anna ist super sympathisch und man merkt, dass sie mit ganzem Herzen bei der Sache ist. Schade, dass sie vor allem in Österreich Seminare gibt. Ich würde gerne mehr von ihr lernen! Zum Glück schreibt sie aber auch regelmäßig Beiträge auf ihrem Blog. 🙂

Filmabend mit Marc Lubetzki (Seedorf)

Nach dem Abendessen mache ich mich auf zum Filmabend mit Tierfilmer Marc Lubetzki. Erst bin ich etwas enttäuscht, weil ich viele der Aufnahmen, die er zeigt, schon aus seiner Masterclass kenne. Dort lädt er jede Woche ein neues Video hoch, das sich mit Wildpferden beschäftgit und Anregungen gibt, was wir aus ihrer Beobachtung für unsere Hauspferde ableiten können. Aber Marcs Kommentare und Erklärungen zu den Bildern haben dann doch einen hohen Unterhaltungs- und Informationswert. Außerdem zeigt er auch noch ein paar witzige Outtakes. Nach dem offiziellen Veranstaltungsende bleiben einige noch, um sich weiter auszutauschen, aber ich taumele nur noch ziemlich geschafft von diesem sehr intensiven Tag in mein Hotelzimmer.

Sonntag: Das Schlechte wird von selbst verschwinden

Arien Aguilar (USA): Liberty und feine Kommunikation mit Pferden

Arien Aguilar und sein Lusitanohengst Alegre

Der Key Speaker für den Sonntag ist Horseman Arien Aguilar. Ich habe vorher keine genaue Vorstellung von seiner Philosophie, bin aber sofort hellauf begeistert von ihm und seiner Arbeit. Er strahlt so viel Feinheit, Leichtigkeit und positive Energie aus, dass es mich selbst so früh am Morgen 😉 sofort mitreißt. Er hat seinen Lusitanohengst Alegre mitgebracht, den er aus Portugal aus schlechter Haltung geholt hat. Alegre ist erst seit elf Monaten bei Arien und wirkt auf mich wie ein ganz normales, fein ausgebildetes Pferd und nicht wie eins, das seine ersten Lebensjahre ohne andere Pferde und ohne grüne Weiden verbracht hat. Als Arien sagt, dass er Alegre tatsächlich erst beibringen musste, dass man Gras fressen kann, muss ich kurz schlucken. Wie schrecklich! Glück für das Pferd, dass es jetzt ein so viel angenehmeres Leben bei ihm hat!

Was mich außerdem beeindruckt: Arien sagt, dass Alegre heute nicht so gut drauf ist und dass er deswegen nicht alles zeigen kann, was er eigentlich wollte. Ich habe das Gefühl, dass bei diesem Satz ein Lächeln über die Gesichter der Zuschauer huscht. Niemand hier möchte ein schlecht gelauntes Pferd sehen, das lustlos seine Lektionen abarbeitet.

Es wird sogar noch richtig philosophisch, als Arien fragt: Was ist eigentlich Freiheit? Und wie frei kann eigentlich Freiarbeit mit dem Pferd sein? Freiheit bedeutet Entscheidungsfreiheit, kommt es aus dem Publikum. Arien nickt und sagt, dass es viel wichtiger ist, dem Pferd Entscheidungsfreiheit zu geben, als dass bei der Freiarbeit das Halfter abkommt. Einleuchtend.

Arien legt eindeutig den Fokus auf das Positive und den Blick nach vorne, genau wie Kati am Tag davor. Er spricht über den Stierkampf in Portugal, und statt darüber zu lamentieren, was das für eine Tierquälerei ist, hat er eine viel bessere Idee: Das Kulturgut und die Techniken des Stierkampfes können wir in der Reitkunst friedlich fortführen, ohne dass ein Tier zu Schaden kommt.

Arien Aguilar und sein Lusitanohengst Alegre

Leg den Fokus auf das Positive. Der Rest wird von selbst verschwinden! (Arien Aguilar)

Auch wenn ich fürchte, dass viele Probleme in der Pferdewelt sich nicht von selbst erledigen werden, so hat der Gedanke doch was Tröstendes an sich. Interessant ist auch Ariens Idee, nicht einfach nur zu kritisieren, wenn wir etwas sehen, das wir schlecht finden. Viel besser ist es, eine Alternative zu bieten. Denn wenn die besser ist, gibt es keinen Grund mehr, an dem Alten festzuhalten. Klingt logisch, oder? Ist in der Realität leider aber nicht immer der Fall, alleine, wenn man sich z. B. die FN-Vorgaben zum Longieren anschaut und die mit den Aussagen von Babette Teschen abgleicht. Aber nichtsdestotrotz: Ein bisschen mehr Positivität schadet sicherlich nicht, das steckt nämlich auch viel mehr an als Negativität. 🙂

Ich bin sehr froh, dass Arien mich auch ein bisschen angesteckt hat und werde bestimmt auch mal ein Seminar bei ihm besuchen. Er ist nämlich zum Glück auch öfter in Deutschland unterwegs (und spricht auch super Deutsch, sodass man keine Angst haben muss, ihn sprachlich nicht zu verstehen).

Thomas Günther (Fuldatal): „Liberty in Style“ – Gymnastizierung und Western-/Dressurlektionen ohne Zaumzeug

Thomas Günther mit seinem Hengst beim Kompliment

Als Nächstes schaue ich mir Thomas Günther von pro ride horsemanship an. Auch er widmet sich der Freiarbeit und teilt einige sehr interessante Gedanken mit uns. Er unterscheidet die Einwirkung auf das Pferd in „Von vorne nach hinten“ und „Von hinten nach vorne“ und kombiniert beide Wirkweisen miteinander, weil sie sich ergänzen. Außerdem stellt er fest, dass die Arbeit mit Halsring nicht zäumungsfrei ist, weil wir mit dem Halsring auch auf den Hals und den Kopf des Pferdes einwirken. So hatte ich das noch nicht betrachtet.

Es macht richtig Spaß, Thomas bei der Arbeit mit seinem wunderschönen schwarzen Hengst zuzuschauen. Es wirkt alles sehr leicht und fein. Der Hengst reagiert auf sehr dezente Hilfen. Thomas‘ Erklärungen sind immer einleuchtend und seine Art des Umgangs gefällt mir richtig gut. Außerdem sieht er das Reiten ohne Sattel und Zäumung nur als einen Baustein von mehreren, was ich richtig gut finde. Für ein intensives Vorwärts empfiehlt er außerdem, mit Sattel zu reiten.

Insgesamt eine tolle Vorführung mit tollen Ideen!

Hero Merkel (Rastatt): Pferdesprache lernen. Klare Kommunikation vor, neben, hinter und auf dem Pferd

Hero Merkel bei Pfernetzt

Rasant geht es weiter mit Pferdetrainerin und Showreiterin Hero Merkel. Da ich meine große Kamera nicht dabei hatte, kann ich leider nur von ihren genialen Reitkünsten schwärmen, denn das war eindeutig zu schnell für meine Handykamera. 😉 Ich mache mir überhaupt keine Notizen zu ihrer Vorführung, weil ich die ganze Zeit so gebannt dasitze und es einfach nur genieße. Es ist richtig toll, ihr zuzuschauen! Hero ist mit drei ihrer eigenen Pferde angereist. Da auch alle drei in die Halle geführt werden, denke ich eigentlich, dass sie bestimmt mit allen etwas zeigen wird. Dem ist aber nicht so, und als die Frage aus dem Publikum kommt, warum die anderen beiden eigentlich mit in der Halle sind, antwortet Hero:

Wann immer es geht, lasse ich meine Pferde bei Vorführungen einfach nur dabei sein, ohne, dass sie was tun müssen. Sie sollen lernen, dass eine Show nicht immer mit Anstrengung verbunden ist und auch mal dabei entspannen. (Hero Merkel)

Das finde ich so toll! Und die beiden, die frei haben, anscheinend auch. Die stehen nämlich ziemlich schläfrig in der Hallenecke und chillen.

Hero zeigt uns, wie man das Pferd am Boden von vorne, von der Seite und von hinten dirigieren kann und ich bin beeindruckt. Ich habe mir zuhause auch noch ein paar Videos von Heros Showeinlagen angeschaut und bin noch beeindruckter. Vor allem, wenn man weiß, dass Hero erst 20 ist. Sie strahlt so eine unglaubliche Sicherheit und Souveränität aus. Grandios!

Iris Heyne (Düren): Der sanfte Weg zum starken Huf

Hufbearbeiterin Iris Heyne geht mit uns im Anschluss die einzelnen Teile eines Hufs durch. Ich lerne einiges, kann mir aber nicht alles merken (das Problem habe ich bei solchen Themen leider immer). Ich lerne, dass der Huf wie eine Blutpumpe wirkt und der Entgiftung und Stoßdämpfung dient. Außerdem hat Iris einen im Querschnitt präparierten Huf dabei, was die Sache sehr anschaulich macht. Als ich das Präparat in die Hand bekomme und das Fell auf der nicht aufgeschnittenen Außenseite spüre, wird mir allerdings kurz etwas anders. Die Mappe mit den blutigen Bildern, die Iris für die Hartgesottenen mitgebracht hat und vorsorglich nicht rumreicht, schaue ich mir lieber nicht an. :O

Ich stelle fest, dass ich bis zum eigenen Pferd mindestens die Einzelteile des Hufs auswendig können muss. Und nehme mir vor, zu dem Thema auf jeden Fall einen Kurs zu besuchen. Falsche Hufbearbeitung kann schließlich für große Probleme sorgen, und da ist es auf jeden Fall besser, wenn man als Pferdebesitzer selbst sieht, wenn was falsch ist. Und auch als Pflegebeteiligung kann es nicht schaden, sich ein bisschen auszukennen.

Iris ist mir natürlich doppelt sympathisch, weil sie wie ich Germanistik studiert hat. 😀

Alessa Neuner (Olching): Freiheit und Motivation im Pferdetraining

Den Abschluss bildet für mich Alessa Neuner mit einem herrlich feinen und leisen Vortrag. Sie ist mir schon vor Pfernetzt durch tolle Blogbeiträge aufgefallen, die zum Nachdenken anregen. Sie spricht darüber, wie schrecklich sie das Credo „Du musst dich durchsetzen!“ findet. Und dass Freiheit im Alltag anfängt; dass wir unseren Pferden gerechter werden, wenn wir ihnen Fragen stellen, statt immer nur Anweisungen zu geben. Außerdem ist es für sie wichtig, dem Pferd eine Alternative anzubieten, wenn wir ihm einmal Grenzen setzen müssen. Das sind alles sehr schöne Gedanken, und ich bin nach dem Vortrag sehr beschwingt nach Hause gefahren.

Alessa hat auch noch viele andere tolle Sachen gesagt, die ich mir aber leider nicht aufgeschrieben habe und an die ich mich nicht mehr genau genug erinnern kann. Da ist mir wohl nach dem Seminarmarathon am Schluss ein bisschen die Puste ausgegangen. Was schade ist, weil ich Alessa wirklich ganz toll und inspirierend fand! Da sie zusammen mit Kati Westendorf und Miri von MeinFaible (die auch im Pfernetzt-Team war) unter dem Namen Horsebond Seminare gibt, habe ich mich gleich für das nächste Seminar in Wuppertal angemeldet. Ich freue mich schon sehr, die drei Mädels wiederzusehen und mehr über ihre Arbeit mit Pferden zu erfahren. <3

Fazit und Ausblick

Wer bis hierhin durchgehalten hat, bekommt von mir ’ne Cola spendiert, wenn wir uns mal sehen sollten. 😉 Ich bin immer noch ganz beseelt von dem, was das tolle Pfernetzt-Team da auf die Beine gestellt hat. Der Pfernetzt-Gedanke war das ganze Wochenende über zu spüren und wird sich, da bin ich mir sicher, noch weiter forttragen. Egal, ob es nochmal eine Wiederholung des Events gibt – was sein könnte, aber noch nicht beschlossen wurde – oder nicht. Die Auswahl der Speaker war wirklich fantastisch und ich bin total glücklich, dass ich dabei war und sich mir neue, tolle, positive Gedanken ins Hirn gepflanzt haben. Das ist nämlich normalerweise nicht so meine Stärke, aber im Umgang mit Pferden scheint mir der Fokus auf das Positive doch der beste Weg zu sein. Also warum sollte ich davon nicht auch in meinem sonstigen Leben profitieren? 🙂

Die Speaker waren auch total offen für alle Fragen und haben sich auch untereinander ausgetauscht und pfernetzt. Viele habe ich auch in den Vorträgen der anderen gesehen. Richtig toll! Von Konkurrenzdenken waren da alle total weit entfernt.

Ich kann euch nur ganz fest ans Herz legen, die Fortsetzung von Pfernetzt zu besuchen, so es denn eine geben wird. Ihr werdet persönlich und bezogen auf eure Arbeit mit Pferden so sehr davon profitieren.

Danke liebes Pfernetzt-Team für dieses tolle Event!

Andere Meinungen über Pfernetzt findet ihr hier:

2 Kommentare

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