Zwei Pferrde auf einem Reitplatz

Das Schulpferd: Nur ein Pferd zweiter Klasse?

Schulpferde haben das tollste Pferdeleben verdient – haben es aber leider oft nicht.

Schulpferde haben kein leichtes Leben. Schulpferde müssen hart arbeiten, viel ertragen und haben kaum eine Lobby, die für ihre Interessen eintritt. Schließlich haben sie oft keinen Besitzer, der mit strengen Augen aufpasst, dass ihnen niemand wehtut. Sie sind dafür da, um Geld zu verdienen. Und obwohl sie, wie ich neulich in einem Buch von Sabine Nägler treffend gelesen habe, die wertvollsten Mitarbeiter des Reitlehrers sind, bekommen sie viel zu oft nicht die Wertschätzung, die ihnen gebührt.

Dabei müssen sie sich mit ständig wechselnden Reitern mit verschiedenen Graden von Unfähigkeit herumschlagen, sich immer wieder neu auf den Reiter und seine Unzulänglichkeiten einstellen und sich dabei immer ganz viel Mühe geben. Nein zu sagen, ist ihnen in den seltensten Fällen erlaubt. Heute keine Lust auf langweiliges im Kreis laufen und dabei einen nassen Sandsack im Sattel tragen? Pech gehabt. Wo ein Privatpferd mit einem verständnisvollen Besitzer vielleicht an diesem Tag dann eben nicht dazu gezwungen wird, muss ein Schulpferd trotzdem an die Arbeit. Das ist natürlich praktisch auch kaum anders möglich, weil die Reitstunde nicht einfach kurzfristig ausfallen kann, weil das Pferd keine Lust hat.

Umso dankbarer bin ich meinem Schulpferd, wenn es mich schadlos durch den Reitunterricht trägt.

Sensibelchen im Schulbetrieb: resigniert oder gefährlich

Vor allem sehr sensible Pferde können im Schulbetrieb ernsthaften Schaden nehmen. Natürlich besonders dann, wenn der Reitlehrer nicht gut darauf achtet, dass seine Schüler nicht zu grob mit den Pferden umgehen. Das Ergebnis sind dann entweder vollkommen willenlose Tiere, die in erlernte Hilflosigkeit verfallen und an denen ihr Leben fortan nur noch wie unter einem grauen Schleier verdeckt vorbeizieht. Oder sie sind zunächst noch stark genug, Widerstand zu leisten und werden zum „Problempferd“, das buckelt, steigt, durchgeht und beißt und wahrscheinlich früher oder später beim Schlachter landet, weil es im Schulbetrieb nicht mehr eingesetzt werden kann und es oft nicht gelingt, ein solches Pulverfass an Privatleute zu verkaufen.

Warum es den Begriff „Problempferd“ eigentlich gar nicht geben sollte, erfahrt ihr in meiner Buchrezension zu Mark Rashids „Ein gutes Pferd hat niemals die falsche Farbe“.

Was man unter erlernter Hilflosigkeit genau versteht und wie es sich anfühlt, in die leeren Augen eines solchen Pferdes zu blicken, könnt ihr bei Tanja von Tash Horseexperience nachlesen.

Leider wird in der Realität oft auf solche Dinge keine Rücksicht genommen, und es landen eben doch die falschen Pferde im Schulbetrieb. Und selbst die Pferde, die von ihrem Charakter her dazu geeignet sind, Reitschüler zu ertragen, ohne selbst allzugroßen Schaden zu nehmen, können kaputtgehen an ihrer Aufgabe – wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen und ihnen einfach dauerhauft zuviel zugemutet wird: zu viel Grobheit, zu viel stupides Programmabspulen, zu wenig Zeit in der Herde; zu viel von allem Schlechten und zu wenig vom Guten.

Melanie vom Blog Penny das Pony hat einen sehr berührenden Beitrag aus der Sicht eines Schulpferdes geschrieben.

Das tollste Pferdeleben ist ein Muss

Versteht mich nicht falsch, ich bin selbst ein blutiger Anfänger auf dem Pferd, und Anfänger machen Fehler. Das ist normal und lässt sich nicht vermeiden, weil leider die wenigsten Menschen als begnadete Reiter geboren werden. Und ohne Schulpferde wäre das Reitenlernen für viele Menschen, auch für mich, nur schwer umzusetzen. Nicht jeder kann, will und sollte sich als Anfänger sofort ein eigenes Pferd kaufen. Einmal fehlt es an Wissen rund ums Pferd, und außerdem bleibt nicht jeder, der das Reiten anfängt, auch für immer dabei. Und es kann und möchte auch sicher gar nicht jeder die große Verantwortung für ein eigenes Pferd übernehmen. Ohne Schulpferde wäre es also schwierig. Es ist gut, dass es sie gibt. Aber gerade diese Pferde müssen außerhalb des Reitunterrichts das tollste Pferdeleben haben und auch der Unterricht darf sie nicht kaputtmachen und ihre Bedürfnisse mit Sporen treten.

Und mit dem tollsten Pferdeleben meine ich unter anderem, dass sie maximal über Nacht alleine in ihren Boxen stehen. Gerade Schulpferde brauchen Kontakt zu anderen Pferden, frische Luft, genügend Auslauf und eine vernünftige Fütterung. Sattel und Gebiss sollten genauso gut passen wie bei einem Privatpferd – schließlich leiden Schulpferde ansonsten genau die gleichen Schmerzen. Und das kann weder der Reitlehrer noch der Reitschüler wollen! Leider wird in der Realität aus Kosten- und Zeitgründen nicht immer so gut darauf geachtet – was schlimm ist!

Die Verantwortung der Reitlehrer

Es ist wichtig, dass es den Schulpferden gut geht und es ist wichtig, dass die Reitlehrer dafür sorgen, dass auch ihre Schüler die Pferde gut behandeln. Wie gesagt, Fehler passieren, vor allem am Anfang. Aber das sollte die einzige Last sein, die ein Schulpferd zu tragen hat – dass es die unvermeidbaren Fehler der Reitschüler aushält und verzeiht. Ganz wichtig ist dabei der Reitlehrer oder die Reitlehrerin: Sie tragen eine große Verantwortung. Für das Wohlergehen ihrer Schulpferde und für die weitere reiterliche Entwicklung ihrer Reitschüler. Eine ihrer wichtigsten Aufgaben ist es, ihren Schülern deren Fehler aufzuzeigen, zu erklären und dafür zu sorgen, dass die Schüler an ihren Fehlern wachsen und lernen, immer feiner mit dem Pferd zu kommunizieren. Das ist nicht nur im Sinne des jeweiligen Schulpferdes, sondern von allen Pferden, auf deren Rücken die Schüler in ihrem zukünftigen Reiterleben noch sitzen werden. Und natürlich auch im Sinne des Reitschülers, der durch guten und pferdefreundlichen Reitunterricht in die Lage versetzt wird, fair und gewaltfrei zu reiten und mit Pferden umzugehen – und dadurch automatisch viel weniger Probleme dabei haben wird als jemand, der nur mit einem Arsenal an Hilfsmitteln und schlimmstenfalls Brutalität dazu in der Lage ist, ein Pferd zu reiten.

Warum dieser Text?

Bevor ich selbst nach einer Möglichkeit gesucht habe, guten Reitunterricht zu bekommen, hätte ich bei diesen ganzen Ausführungen wahrscheinlich gedacht: Ja ok, stimmt alles, aber warum schreibst du das überhaupt? Ist das alles nicht selbstverständlich? Weil man sich nämlich als Nicht-Reiter überhaupt gar kein Bild davon macht, wie viel tatsächlich schiefläuft im Reiteralltag und ganz besonders im Reitschulbetrieb. Ehrlich, ich hätte das nie für möglich gehalten! Aber das ist nicht nur eine Reitschule oder ein Reitlehrer, der ein schwarzes Schaf ist und seinen Schülern das Reiten auf die überaus unsanfte Tour beibringt. Schön wär’s! Deswegen bin ich froh, dass ich durch die Lektüre vieler pferdefreundlicher Blogs und Fachbücher einen anderen Maßstab bekommen habe, um den Umgang mit einem Pferd zu beurteilen. Wäre ich einfach so in den nächstbesten Schulbetrieb spaziert, ohne mich vorher zu informieren, hätte ich vielleicht gar nicht bemerkt, wenn dort nicht fair und pferdegerecht gearbeitet würde. Weil ich gar nicht gewusst hätte, dass es auch anders geht.

Leider habe ich selbst Schulpferde gesehen, die ziemlich schlecht behandelt wurden. Seitdem beschäftigt mich das Thema sehr. Meine ersten Reitstunden hatte ich in einer Reitschule, in der die Pferde mit Hilfszügeln und Sporen geritten wurden. Und diese Sporen wurden von den anderen Reitschülern nicht sehr fein eingesetzt. Eine Reitschülerin hatte wohl ein besonders abgestumpftes Pferd, das sie immerzu weit ausholend mit den Sporen getreten hat. Dazu benutzte sie dann noch eine Gerte, weil ihre brutalen Treibversuche mit den Beinen meistens auch nicht besonders erfolgreich waren. Die Reitlehrerin sagte zu alldem nichts. Ich war etwas schockiert. Es war relativ schnell klar, dass das nicht die Art des Umgangs war, die ich mir vorgestellt hatte. Ich hatte in einer Stunde auch selbst mal ein Pferd, das auf meine Versuche, es zum Antraben zu bringen, kaum reagiert hat. Wahrscheinlich kann man es ihm auch nicht verübeln, hing es dabei doch mitsamt Gebiss an der Longe. Ich wurde dann dazu angehalten, stärker zu treiben, und irgendwie fühlte sich diese starke Art der Einwirkung einfach nicht gut an.

Die Verantwortung der Reitschüler

Als Anfänger ist es erstmal nicht leicht, sich in dem riesigen Informationsdschungel zurechtzufinden. Aber es gibt ein paar Dinge, auf die ihr achten könnt, wenn ihr euch nach einem passenden Reitlehrer mit Schulpferden umschaut, z. B.:

  • Wie werden die Schulpferde gehalten? Sie sollten zumindest einige Stunden am Tag in der Herde draußen verbringen dürfen.
  • Wie werden die Schulpferde im Unterricht behandelt? Schläge und Tritte sollten tabu sein. Auch gehören keine Sporen an ungeübte Reiterfüße.

Bei Christina von Herzenspferd findet ihr eine gute und ausführliche Checkliste dazu, wie ihr einen guten Reitlehrer finden könnt.

Das ist die Verantwortung für alle Reitschüler: Genau hinzusehen, ob es den Schulpferden gut geht und ob der Reitlehrer gewaltfrei arbeitet. Ein Auge darauf zu haben, dass die Schulpferde eben nicht als Pferde zweiter Klasse angesehen werden. Nicht nur möglichst billig Unterricht zu nehmen, sondern vielleicht auch höhere Kosten und weitere Wege auf sich zu nehmen, wenn es in direkter Nähe kein pferdefreundliches Angebot gibt. Es wäre toll, wenn sich das Bewusstsein für diese Verantwortung immer mehr verbreiten würde, bis pferdeunfreundliche Reitschulen wegen mangelnder Nachfrage dichtmachen oder ihre Methoden ändern müssten… Schließlich ist Reiten etwas, das man mit einem Tier zusammen macht. Und dieses Tier ist kein Fahrrad (ausgelutschter Vergleich, aber immer noch wahr), sondern ein Lebewesen mit Gefühlen und Bedürfnissen. Das sollten wir alle niemals vergessen.

Babette und Tania von Wege zum Pferd haben zum Thema „Gewalt im Reitschulbetrieb“ schon 2015 einen offenen Brief geschrieben, der leider noch immer genauso aktuell ist und den ich so voll und ganz unterschreiben kann.

Welche Erfahrungen habt ihr gemacht, was die Behandlung von Schulpferden angeht? Hattet ihr das Glück, gleich einen pferdefreundlichen Reitlehrer gefunden zu haben, bei dem die Schulpferde ein gutes Leben hatten? Oder lief es bei euch weniger schön ab?

Titelfoto: iStock.com/jorgefran

8 Kommentare

  1. Pingback: Hau sie welche, die Sau! - Pfridolin Pferd

  2. Ich habe eben deinen Blog über Facebook gefunden und bin super interessiert am Lesen deiner Beiträge. Besonders dieses Thema ist wirklich wichtig. Ich reite jetzt schon seit ca. 17 Jahren (hab mit 5 angefangen und ein paar Pausen). Und die meiste Zeit hatte ich wirklich Glück, weil ich auch auf Privatpferden reiten lernen konnte. Nur als ich zum Studieren weggezogen bin und mich nach einem Stall umgesehen habe, war das für mich ein Schock. Abgemagerte Pferde, Pferde, die nicht mehr auf normale Schenkelhilfen hören und blind der Gruppe hinterher rennen. Das kannte ich bis dahin nur aus Erzählungen. Von den kleinen Boxen möchte ich gar nicht erst sprechen. Die Tiere müssen soviel ertragen und ich denke, dass jeder von uns für das Wohl der Tiere einsetzen sollte.
    Danke für deinen schönen Beitrag!
    Liebe Grüße
    Christine

    • Liebe Christine, ganz lieben Dank für deinen tollen Kommentar und dein Lob! Den Schock kann ich mir vorstellen… ich hoffe, du konntest dann noch einen Stall mit besseren Bedingungen finden. Es ist wirklich verdammt schwer, einen guten Reitlehrer zu finden, bei dem Unterricht und Schulpferdehaltung stimmen. Und auch wenn so ein Text nicht alle Schulpferde dieser Welt erretten wird… wir haben es als Reitschüler ja ein Stückweit selbst in der Hand. Wenn keiner mehr auf gequälten Schulpferden reiten möchte, wird sich das Problem von selbst erledigen. Aber davon sind wir wohl leider noch ein wenig entfernt und so lange kann man nur immer wieder darauf aufmerksam machen. Liebe Grüße! 🙂

  3. Pingback: Stell dir eine Frage: Was wäre wenn.. Pferde Hunde wären

  4. Hallo liebe Tina,
    Dieser Text spricht mir aus der Seele und ist so wichtig!
    Ich selbst habe ein Pferd aus einem Schulbetrieb gekauft. Sie war 9 Jahre schulpferd – als ich sie kennen lernte eher der Typ „erlernte Hilflosigkeit“. Dies fiel mir allerdings erst später auf…und zwar als ich bemerkte wie sehr sie sich veränderte, als sie ein „ein-Mann-Pferd“ wurde. Sie hat lange gebraucht vertrauen zu fassen, aber jetzt, nach 2 Jahren, ist sie so lebendig geworden! So eine lustige, fröhliche und ausdrucksstarke Persönlichkeit! Das zu beobachten ist so wundervoll. Sogar ihre Rosse kam wieder! – im Schulbetrieb nicht gezeigt, ist sie jetzt ganz deutlich und verdreht den wallachen den Kopf *hihi*

    Toll, dass du dich mit diesem Thema beschäftigst und aufklärst!
    #FÜR ein besseres Leben der Schulpferde!
    Liebe grüße

    • Liebe Mimi,

      ach wie schön, dass du einem Schulpferd ein tolles neues Leben ermöglichst <3 Ich freu mich immer, solche Geschichten zu lesen. Jedes "gerettete" Schulpferd ist ein kleiner Hoffnungsschimmer 🙂 Es ist zwar traurig, wenn Schulpferde erst aus dem Schulbetrieb rausgeholt werden müssen, damit sie pferdewürdig leben dürfen... aber für dieses eine Pferd bedeutet es so viel. 🙂 Deswegen finde ich es total toll, dass du den Schritt gewagt hast! Auf eine tolle weitere Zeit mit deiner wiedererwachten Stute <3

      Liebe Grüße
      Tina

  5. Hi Tina,
    nach 3 Monaten Schulbetrieb konnte ich diese Reiterei mit meiner Tierliebe nicht mehr vereibaren.
    Ich habe als blutige Anfängerin dann ein Pferd gekauft, dass die damalige Reitllehrerin für ihren Reitschulbetrieb haben wollte.
    Hab übrigens einen Kalender erstellt, der wortspielerisch auf manch fragwürdige Reiterei anspielt.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*