Mark Rashid: Ein gutes Pferd hat niemals die falsche Farbe

Mark Rashid: Ein gutes Pferd hat niemals die falsche Farbe

„Ein gutes Pferd hat niemals die falsche Farbe“ von Mark Rashid ist eines dieser Bücher, die ich am liebsten gar nicht mehr aus der Hand legen würde. Das Buch war mein Einstieg in die Pferdeliteratur, und ich habe dadurch viel über das Wesen und die Kommunikationsweise von Pferden gelernt. Mark Rashid ist ein bekannter Pferdetrainer aus den USA, der für einen gewaltfreien, sanften und verständnisvollen Umgang mit dem Pferd einsteht. Eine seiner Hauptprämissen ist es, eine Situation immer aus der Perspektive des Pferdes zu betrachten, um sein Verhalten zu beurteilen und eine angemessene Antwort darauf zu finden.

Und darum geht es auch in „Ein gutes Pferd hat niemals die falsche Farbe“. In vielen kleinen Geschichten erzählt Mark Rashid von seinen Erlebnissen mit ganz unterschiedlichen Pferden und Pferdebesitzern. Eine große Rolle spielt dabei der „alte Mann“, wie er ihn im Buch immer nennt. Der alte Mann ist ein Pferdemann, von dem Mark Rashid als kleiner Junge den sanften Umgang mit Pferden gelernt hat. Viele Geschichten stammen aus dieser Zeit, aber Mark Rashid erzählt auch von einigen Pferden, die er selbst im Laufe der Zeit trainiert hat. Über den alten Mann schreibt er:

„Er zeigte mir alles, wie man Pferdeäpfel wegschaufelt und einen Nagel einschlägt, wie man ein Pferd aufzäumt und wie man im Sattel sitzt. Noch viel wichtiger als das war, dass er mir erklärte, wie Pferde die Welt sehen und was ich tun konnte, um in ihre Welt zu passen.“

– Mark Rashid, „Ein gutes Pferd hat niemals die falsche Farbe“

Das Zitat mag auf den ersten Blick unscheinbar aussehen, besitzt aber in meinen Augen ganz schön viel Kraft. Ist es nicht genau das, was wir erreichen wollen? Verstehen, wie das Pferd denkt und was es braucht, und lernen, wie wir uns möglichst störungsarm in seine Lebenswelt integrieren können? Wie die gemeinsame Zeit am Ende nicht nur ein Gewinn für den Menschen ist, sondern für beide?

„Ein gutes Pferd hat niemals die falsche Farbe“ ist kein klassisches Sachbuch, sondern mehr eine unterhaltsame und informative Sammlung von Erzählungen, die zum Nachdenken anregen. Der gemeinsame Nenner in den Geschichten ist dabei meist, dass die Pferde irgendein gravierendes Problem haben, das den Umgang mit ihnen kompliziert macht und das dazu führt, dass ihre Besitzer die Tiere loswerden wollen: weil sie sich nicht mehr einfangen, reiten oder beschlagen lassen wollen zum Beispiel.

Es gibt keine Problempferde.

Eine der wichtigsten Erkenntnisse aus diesem Buch war für mich, dass man weniger von Problempferden als von Problembesitzern sprechen sollte, weil kein Pferd von sich aus bösartig oder gefährlich ist. Die Probleme fangen erst durch uns Menschen an, wenn wir das Pferd falsch behandeln, sodass es negative Verhaltensweisen entwickelt. Die vielen Beispiele in dem Buch, wie rücksichtslose Menschen durch ihr unreflektiertes und ruppiges Verhalten aus einem Pferd ein problembehaftes Pferd gemacht haben, fand ich wirklich schlimm. Wie man es nicht machen sollte, wenn man ein kooperationsbereites Reitpferd haben möchte, wird im Buch wirklich eindrucksvoll geschildert: am Zügel reißen, das Pferd schlagen, zu feste in die Seiten treten oder Sporen ohne Sinn und Verstand benutzen. Also alles, was dem Pferd Schmerzen bereitet, Angst einjagt oder es verwirrt.

„Pferde sind gute Tiere. Sie verdienen etwas Besseres.“

– Mark Rashid, „Ein gutes Pferd hat niemals die falsche Farbe“

Dass man solche Dinge nicht tun sollte, ist vermutlich auch den meisten Reitern bekannt, denen das Wohlbefinden ihres Pferdes am Herzen liegt. Insofern ist das für Menschen, die pferdefreundlich eingestellt sind, natürlich keine Neuigkeit. Ich fand es aber sehr interessant, in jeder der Geschichten zu sehen, wie es Mark oder dem alten Mann immer wieder gelingt, schwer physisch und/oder psychisch missbrauchte Pferde mit ganz sanften und unaufdringlichen Methoden „wiederherzustellen“. Auch wenn das viele Wochen oder Monate dauern kann: Mit viel Geduld, Ruhe und Einfühlungsvermögen scheint doch so einiges möglich zu sein. Den Gedanken finde ich wirklich faszinierend. Natürlich wird das leider nicht bei jedem vorgeschädigten Pferd funktionieren – aber die Bemühungen lohnen sich definitiv für jedes Pferd, das dadurch eine neue Perspektive erhält.

„[…] wenn es um Pferde geht, ist manchmal nur diese eine weitere Chance notwendig, damit sie uns zeigen können, wie gut sie wirklich sind. Wenn wir ihnen diese Chance vorenthalten, werden wir nie wissen, was wir vielleicht gehabt hätten.“

– Mark Rashid, „Ein gutes Pferd hat niemals die falsche Farbe“

Geduld, Behutsamkeit und langsames Arbeiten

Mit diesen drei Begriffen lässt sich Mark Rashids Arbeitsweise ganz grob zusammenfassen. Im Buch gibt es viele, viele Geschichten darüber, wie er (oder der alte Mann) sie anwendet. Da gibt es z. B. einen Wallach, den der alte Mann vor dem Schlachter gerettet hat und der sich anfangs vor allem fürchtet, weil er die ersten fünf Jahre seines Lebens ohne Ausbildung alleine in einem Garten verbracht hat. Bevor der alte Mann mit der eigentlichen Reitausbildung beginnt, vergehen stolze sieben Monate – weil das Pferd sich zuerst einmal an die Außenwelt gewöhnen muss, bevor es irgendetwas anderes lernen kann. Und auch das Gewöhnen an den Sattel und an den Reiter auf dem Rücken findet gaaaaaanz langsam statt. Viele kleine Schritte werden immer wieder wiederholt, bis das Pferd sich daran gewöhnt, z. B. das Auflegen des Sattels, aber auch das Gewicht beim Aufsteigen und das Schwingen des Beins über den Rücken. Dabei achtet der alte Mann immer darauf, dass das Pferd genug Zeit hat, um alles zu erkunden und alles zu verstehen, was mit ihm gemacht wird. Das Tempo der Ausbildung muss sich nach dem individuellen Lerntempo des Pferdes richten – ein wichtiger Punkt, wie ich finde. Die Beschreibung der Vorgehensweise fand ich im ganzen Buch sehr lehrreich. Auch wenn man gerade selbst kein Pferd ausbildet, ist es doch gut, Grundlegendes über Lernmechanismen und Ausbildungsmethoden zu wissen.

Fazit

„Nur weil ein Pferd aus einer guten Linie stammt oder gut aussieht, ist das noch lange keine Garantie dafür, dass aus ihm auch ein gutes Pferd wird. Die einzige Garantie […] bist du selbst und die Art und Weise, wie du mit ihm umgehst.“

– Mark Rashid, „Ein gutes Pferd hat niemals die falsche Farbe“

„Ein gutes Pferd hat niemals die falsche Farbe“ habe ich sehr gern gelesen und kann es jedem empfehlen, der sich für die gewaltfreie Arbeit mit Pferden interessiert – egal, ob als Anfänger wie ich oder als fortgeschrittener Pferdemensch. Wer sich vorher noch nie mit Pferden beschäftigt hat, wird trotzdem allen Ausführungen im Buch folgen können. Mark Rashid erzählt ja viel aus seiner eigenen Lehrzeit beim alten Mann, in der er selbst noch ein Pferdeanfänger war. Und er erklärt die Zusammenhänge auch sehr klar und verständlich. Vorkenntnisse braucht man also keine, ein großer Pluspunkt für alle Anfänger! Für Pferdekenner lohnt sich das Buch aber meiner Meinung nach auch, alleine wegen der vielen „Problempferdegeschichten“ und ihren jeweiligen Lösungen. Das Lesen macht Spaß und man lernt einiges über die Pferdeperspektive.

Das Buch steckt voller Weisheit und ich würde Marks Methoden nur allzu gerne einmal an einem sogenannten Problempferd ausprobieren. Naja, leider fehlt mir dafür die Erfahrung und die Zeit. Aber vielleicht, eines Tages, wage ich es doch. Schließlich habe ich gelernt: Es gibt keine Problempferde! Es gibt nur Problemmenschen.

Mein Name ist Tina. Ich bin Anfang 30 und im Ruhrgebiet zuhause. Hier schreibe ich über das grüne Ruhrgebiet, schöne Ausflugs- und Reiseziele, Bücher und meinen Start ins Pferdemenschenleben als erwachsene Allergikerin. ;)

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